Über Weltenbürger, Heimat und das große Glück, Deutscher zu sein

Eine spannende Diskussion, die ich in den letzten Wochen immer wieder geführt habe, drehte sich um den Stellenwert eines Zuhauses. Einem Ort, an dem man sich heimisch fühlt, mit dem man Erinnerungen und Emotionen verbindet. Leider endeten diese Gespräche viel zu oft mit Beschwerden über Deutschland.

Vielleicht geht es nur mir so, aber ich lese in letzter Zeit vermehrt darüber, wie unerträglich die politische Lage in Deutschland ist, was so alles gewaltig schief läuft und weshalb wir so schnell wie möglich das Land verlassen sollten. In Kommentaren, auf Facebook und selbst in E-Mails, die mich von Lesern erreichen, ist vom Stasi-Staat, von politischem Versagen und von bürokratischem Spießrutenlauf die Rede.

Mir geht das ehrlich gesagt ziemlich auf die Nerven. Wir alle wollen als digitale Nomaden selbst entscheiden, wo wir leben und uns ein Stück weit unabhängiger von Regierungen machen. So weit so gut, aber sollten wir nicht trotzdem dankbar sein, anstatt uns pausenlos zu beschweren?

Wem es in Deutschland nicht gefällt, der hat ca. 200 gute Optionen. Wer etwas an einer unbefriedigenden Situation ändern will, der sollte das tun, aber bitte nicht in Kommentaren oder im Facebook Newsfeed. Und wem das alles zu viel ist, der sollte ganz einfach keine Nachrichten mehr konsumieren.

Immer mehr Menschen in meinem erweiterten Umfeld haben sich aus verschiedenen Gründen zumindest teilweise von Deutschland getrennt. Sie sind ausgewandert oder ziehen als digitale Nomaden um die Welt. Was bedeutet das für das Gefühl von Zugehörigkeit und Heimat?

 

WER SIND DENN DIESE WORLD CITIZENS UND STAATENLOSEN?

Auch wenn sich einige Menschen noch so sehr als Weltenbürger, Staatenlose oder Perpetual Traveler sehen, sind wir es auf dem Papier dann doch nicht. Es mag ein Gefühl sein, was mit diesen Begriffen verbunden wird, jedoch sind wir alle mit Privilegien geboren worden, mit Traditionen aufgewachsen und besitzen einen Reisepass, der die Zugehörigkeit zu einem Land zeigt.

Auch wenn wir uns an einem Punkt in unserem Leben mit fremden Kulturen mehr identifizieren, als mit der Kultur, in der wir aufgewachsen sind, bleiben wir doch immer deutsche Staatsbürger. Und darüber beschweren sich wohl auch die wenigsten Weltenbürger.

Egal wie sehr mich einige Dinge in Deutschland stören und wie befremdend ich “deutsche Tugenden” wie Pünktlichkeit oder Ordnungsliebe manchmal finde, verspüre ich aber einfach nur Dankbarkeit.

Ich bin dankbar dafür, dass ich das große Glück hatte in einem Land geboren worden zu sein, in dem kostenlose Bildung gewährleistet wird, in dem es ein weitreichendes Sozialsystem gibt und in dem Meinungsfreiheit herrscht. Nicht zuletzt bin ich dankbar dafür, einen Reisepass zu haben, der es mir ermöglicht, in fast allen Ländern der Welt problemlos ein- und auszureisen.

Diese grundsätzlichen Dinge nehmen wir als gegeben hin, ohne sie in Relation mit anderen Ländern zu sehen. Was dann bleibt sind die Beschwerden über die “Probleme”, die man als Deutscher nun mal so hat und die man achso gerne öffentlich kundtut.

Je mehr ich reise und je länger ich im Ausland lebe, desto mehr nehme ich eine andere Mentalität an. Ich fühle mich wohl in Kulturen, die weniger rational sind und sich nicht den ganzen Tag Gedanken um Arbeit, Rente, Geld und Gesetze machen.

In genau diesen Kulturen (Lateinamerika, Südostasien, mediterrane Länder) gibt es dafür ganz andere Probleme. Es herrscht nicht weniger Bürokratie als in Deutschland, sie wird lediglich mit Korruption umgangen. Weniger Regeln werden befolgt, was auch ein weniger geordnetes Zusammenleben bedeutet. Das Plus an Lebensfreude in diesen Ländern bedeutet im gleichen Zug, ein geringeres Maß an Zuverläsigkeit und Integrität.

 

TOD DEN STEREOTYPEN – WILLKOMMEN (MULTI-)LOCALS

In den letzten Sätzen habe ich ganz absichtlich die typischen Stereotypen bedient. Diese Verallgemeinerung, die wir alle so hassen aber doch immer wieder nähren. Unser Gehirn braucht diese Vorab-Kategorisierung wohl einfach, um die ganzen Eindrücke in unserer Umwelt besser verarbeiten zu können.

Hast du dich auf Reisen schon mal einem Ausländer als Deutscher vorgestellt und dann ein leichtes Augenrollen bei deinem Gegenüber bemerkt? Oder hast du kürzlich mit einem Syrer gesprochen und ein vorgefertigtes Bild im Kopf gehabt? Genau das sind die Vorurteile, von denen ich spreche.

Wir sind Deutsche und werden dies auch immer bleiben. Aber natürlich sind wir viel mehr als das. Neben dem Stereotyp sind wir die Gesamtheit unserer Erfahrungen. Wir sind mehr als ein Reisepass. Unsere Vorlieben, Beziehungen und Umstände bestimmen wer wir sind.

Taiye Selasi hat es in ihrem Ted Talk wunderbar ausgedrückt: “Don’t ask where I’m from, ask where I’m a local”. Sie sagt, dass wir dort zu Hause sind, wo wir uns zu Hause fühlen. Dort, wo wir uns mit Traditionen identifizieren, Beziehungen pflegen und Rechte sowie Pflichten haben.

 

Keine Ahnung wie es dir geht aber für mich ist es sehr wichtig, eine Heimat zu haben. Das muss kein gemeldeter Wohnsitz in Deutschland sein und auch keine Eigentumswohnung. Es muss ein Ort sein, auf den ich mich nach einer längeren Reise freue, an dem ich auspacken und zur Ruhe kommen kann.

Wie geht es dir? Wie lange bist du schon Non-Stop unterwegs, ohne zurückzukehren?

Sehr spannend finde ich den Ansatz des Multi-Locals bzw. der Multi-Heimat, der beispielsweise von Tim Chimoy von Earthcity vorgelebt wird. Die Idee dahinter ist, dass es nicht der eine Ort sein muss, an dem man sich zuhause fühlt, sondern eine Homebase an mehreren Orten hat.

Das bedeutet in der Praxis, dass man sich an diesen Orten besonders wohl fühlt, dort noch Sachen eingelagert hat oder sogar ein gekauftes Apartment untervermietet, in das man jederzeit wieder einziehen könnte.

 

Ich hoffe dieser kleine Einblick in meine Gedankenwelt war interessant für dich und freue mich auf deine Meinung dazu.

Was bedeutet Heimat für dich? Warum sorgt dafür, dass du dich an einem Ort wohlfühlst?

Zum Abschluss habe ich noch eine große Bitte an dich: Ich würde mir wünschen, dass du dir etwas Zeit nimmst und darüber nachdenkst, wofür du dankbar bist. Was hat dir das Land ermöglicht, in dem du aufgewachsen bist? Denke an deinen Reisepass, deine Bildung und die staatliche Fürsorge, die ein Großteil der Menschheit so nie erfahren hat/wird.

Bitte mache dir bewusst, was für ein großes Glück es ist, als Deutsche/r geboren zu sein. Ich würde mir wünsche, dass du daran denkst, wenn du dich das nächste Mal dabei erwischst, dich über Nichtigkeiten aufzuregen.

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