Wie ein kleines Dorf in Australien mein Leben verändert hat

Manchmal verändern ganz bestimmte Momente unser gesamtes Leben. Menschen, denen wir begegnen, Schicksalsschläge, die wir erfahren oder Orte, an die wir reisen. Mein Leben wurde im Jahr 2006 in einem kleinen Dorf an der australischen Ostküste im positiven Sinne komplett auf den Kopf gestellt.

Die Inspiration für diesen Beitrag kommt ursprünglich von einer Blogparade mit dem Thema “das schönste Dorf der Welt”, die von Oliver vom Weltreiseforum ins Leben gerufen wurde. Als ich so darüber nachgedacht habe, blieben meine Gedanken immer wieder an einem kleinen australischen Ort hängen. Anstatt dir einen sehenswerten Ort vorzustellen, möchte ich dir gerne von meinen Erlebnissen in genau diesem Dorf erzählen.

Es gehört ganz sicher nicht zu den schönsten der Welt, ja eher zu den hässlichsten Orten, die ich bisher gesehen habe. Dennoch hat der dreimonatige Aufenthalt dort mein Leben grundlegend verändert. Warum das so ist und worauf es aus meiner Sicht im Leben wirklich ankommt, möchte ich dir mit dieser sehr persönlichen Geschichte erzählen.

Bevor ich das Geheimnis dieses magischen Dorfes lüfte, zunächst einmal kurz zur Vorgeschichte …

Vor über 8 Jahren hat sich mein Leben schlagartig geändert. Meine gute bezahlte Festanstellung mit Personalverantwortung und guten Karriereaussichten  im Lebensmitteleinzelhandel war vom Personalabbau im Unternehmen bedroht. Durchschnittlich 60 Stunden pro Woche habe ich gearbeitet und es hat mich bis zu diesem Zeitpunkt auch erfüllt.

In diesem Zeitraum habe ich mich auch von meiner damaligen Freundin getrennt. Meine Wohnung in Berlin habe ich erst 9 Monate vorher komplett sanieren lassen. Ich stand vor einer ungemeinen Leere. Dann zog ich die Notbremse und entschied mich dafür, etwas aktiv in meinem Leben zu ändern. Konkret war dies ein Auslandsjahr in Australien. Innerhalb von einem Monat saß ich im Flieger nach Sydney.

Meine kläglichen Ersparnisse habe ich in den ersten Wochen in Sydney und auf dem Weg nach Brisbane auf den Kopf gehauen. Das leere Bankkonto zwang mich dann, mir schnellstmöglich eine Arbeit zu suchen. So bin ich dann im Herbst 2006 in Childers gelandet …

 

Childers – ein Dorf mitten im Nirgendwo

Im australischen Bundesstaat Queensland, etwas über 300 km nördlich von Brisbane, liegt Childers. Ein Dorf mit etwas über 1.000 Einwohnern, 3 Banken, 2 Supermärkten und 7 Pubs. Tragische Ereignisse wie ein großes Feuer im Jahr 1902, welches das gesamte Zentrum zerstörte, und ein Brand im Backbacker Hostel mit 15 toten Touristen im Jahr 2002 waren die Tiefpunkte in einem Dorf, in dem sonst nicht viel passiert.

Was treibt man als Bewohner von Childers so den ganzen Tag? Man geht in eines der 7 Pubs, spielt Sportwetten und trinkt Bier, bis man vom Barhocker fällt. An freien Tagen geht es in das 50 km entfernte Bundaberg oder zum 30 km entfernt gelegenen Woodgate Beach an die Ostküste.

 

Childers für Backbacker und Fruitpicker

Die Region rund um Childers und Bundaberg herum lebt von der Landwirtschaft. Zu jeder Saison wird Obst und Gemüse abgeerntet. Da es in der Gegend zu wenig Arbeitskräfte gibt, werden Backpacker gern als Erntehelfer angestellt.

Aus diesem Grund befinden sich in Childers sogenannte Working Hostels, ganz speziell der Sugar Bowl Caravan Park. Du kannst dir das so vorstellen wie ein Arbeitslager, in das Backpacker einkehren, um die Reisekasse aufzubessern. Für einen etwas höheren Zimmerpreis als gewöhnlich wird dafür gesorgt, dass du je nach Auftragslage und deiner Motivation für den nächsten Tag einen Job bekommst.

Am Abend kann im Aushang geschaut werden, bei welchem Farmer du morgen arbeitest und um welche Zeit dich der Bus aus dem Hostel abholt (zwischen 4.30 und 7.00). Nach 10-12 Stunden auf dem Feld geht es dann wieder zurück in die Unterkünfte. Bezahlt wird in bar am Ende der Woche.

Sugar Bowl in Childers

Sugar Bowl in Childers – das “Arbeitslager” für Backpacker

 

Wie zum Teufel bin ich bloß in Childers gelandet?

Glaube mir, als ich bei 40 Grad Hitze meine 12-Stunden Schichten auf dem Tomatenfeld absolvierte, habe ich mir diese Frage oft gestellt. Auf der Suche nach Arbeit habe ich in Brisbane den Österreicher Felix getroffen. Der Typ war etwas durchgeknallt, hat mich aber von den vielen Arbeitsplätzen in Childers überzeugt und mich letztendlich in seinem pinken Chevrolet mitgenommen.

Angekommen im Working Hostel fand ich mich in einem 3er Zimmer wieder, das im Gegensatz zu anderen Hostels recht “luxuriös” war. Die ca. 70 anderen Backpacker lernte ich schnell kennen, da man schließlich auf engstem Raum zusammenwohnt und es in Childers nicht so viel zu tun gab.

Im ersten Monat habe ich genau einen Tag frei gehabt. Ich habe Bäume gepflanzt, Wolle gewaschen, Tomaten gepflückt und eine ganze Menge anderes Obst und Gemüse geerntet. Das Geld war gut und die Ausgaben gering. Typischerweise begann der Tag gegen 5 Uhr morgens, wenn der Bus eine Gruppe von uns auf die Farm fuhr. Nach erledigter Arbeit ging es zurück, es wurde zusammen gekocht und abends bei Bier und Wein zusammengesessen.

Gequältes Lächeln beim Zitronen pflücken

Gequältes Lächeln beim Zitronen pflücken

 

Gut bezahlte Festanstellung vs. knochenharte Arbeit als Erntehelfer

Trotz geschundenem Körper und primitiver Arbeit war ich während dieser Zeit unglaublich glücklich. Das lag vor allem an den tollen Menschen, die ich in meinen knapp drei Monaten in Childers kennengelernt habe. Es war ein ständiges Kommen und Gehen. Neuankömmlinge begrüßen und lieb gewonnene Freunde verabschieden. Bekanntschaften waren kurz aber sehr intensiv und vor allem so unglaublich lehrreich.

Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich mit so vielen verschiedenen Kulturen zu tun. Studenten, Schulabgänger, Aussteiger und Ü30-Backpacker. Jeder hatte komplett unterschiedliche Weltbilder, religiöse Ansichten und persönliche Pläne. Mit einer unglaublichen Neugier habe ich die für mich neuen Informationen aus Gesprächen aufgesaugt. Es war für mich so vieles neu, dass es schwer war, die ganzen Eindrücke zu reflektieren.

Gemeinsames Kochen am Abend. Jeder war mal dran.

Gemeinsames Kochen am Abend. Jeder war mal dran.

 

Wir haben alle über Childers geflucht. Wir haben die tägliche Arbeit auf dem Feld gehasst. Aber wir waren alle in der gleichen Situation, mussten uns unsere Reisen finanzieren, haben den Kontakt zu anderen Backpackern gesucht und den Aufenthalt zu etwas ganz Besonderem gemacht.

Die geschlossenen Freundschaften waren so intensiv, dass ich in späteren Jahren viele Leute auf meinen Reisen besucht habe. Einige meiner gegenwärtig besten Freunde stammen aus dieser Zeit. Mit vielen von ihnen bin ich den Rest des Jahres in Australien gereist.

Warum erzähle ich dir das hier eigentlich alles?

Weil es nicht darauf ankommt, ob du auf dem Feld, in einem großen multinationalen Unternehmen oder als Webworker arbeitest. Es kommt darauf an, ob du dabei glücklich bist und ob dich die Arbeit erfüllt.

Weil es egal ist, an welchen Ort du reist. Wichtig sind am Ende immer die Menschen um dich herum. Nur sie machen das Erlebnis aus und geben dir die beste Bildung, die du bekommen kannst.

Weil es keine Rolle spielt, wer du bist, wo du herkommst und was du in der Vergangenheit gemacht hast. Wir alle haben Sorgen, Ängste und Bedürfnisse. Wir alle haben Träume. Und wir alle sollten uns mit dem gleichen Maß an Respekt und Offenheit behandeln.

Weil du deine Komfortzone verlassen musst, um dich persönlich weiterzuentwickeln. Wäre mein Bankkonto nicht so leer gewesen, wäre ich wohl nie nach Childers gekommen. Es war ein Risiko, es war Knochenarbeit, aber es hat mich als Person unglaublich wachsen lassen.

Wir alle können unser Leben jederzeit ändern, wenn wir doch nur etwas Mut aufbringen.

Gruppe von Backpackern in Childers

Jeder Ort kann zu etwas ganz Besonderem werden; was zählt sind die Menschen

 

In meiner Zeit in Childers habe ich schätzungsweise um die 200 Menschen mehr oder weniger gut kennengelernt. Sie waren nicht nur der Grundstein für ein fantastisches Jahr in Australien, sondern haben mich auch in meiner Entwicklung danach stark geprägt.

Durch Gespräche wurden so viele neue Türen aufgestoßen, die ich zuvor nie für möglich gehalten hätte. Ich habe angefangen, mich für komplett neue Dinge zu interessieren und habe in meinem Sprachgebrauch “nein, das geht nicht” gegen “ja, warum eigentlich nicht” eingetauscht.

8 Jahre sind seit meinem Aufenthalt in Childers vergangen. Es ist viel passiert – Reisen, Beziehungen, Umzüge, Studium, Jobwechsel. Was aber immer bleibt, ist die Erinnerung an diesen Ort. Die Erinnerung an ein Erlebnis, dass mein Leben zu einem besseren gemacht hat.

In den letzten 8 Jahren bin ich weltoffener geworden, optimistischer, risikobereiter und vor allem neugieriger. Ich sage selten nein, sondern freue mich auf neue Abenteuer und Herausforderungen. Tief in mir weiß ich, dass ich diese für mich positiven Veränderungen den Menschen zu verdanken habe, die ich in meiner Hassliebe Childers getroffen habe.

Ich bin glücklich, sehr glücklich sogar, mit meinem jetzigen Leben. Wie wäre es gekommen, wenn ich vor 8 Jahren in Berlin geblieben wäre? Das vermag wohl niemand zu sagen, jedoch schaue ich selten zurück. In meinem Leben haben Veränderungen immer etwas Positives mit sich gebracht.

Mit dieser persönlichen Geschichte hoffe ich, dass ich dir Einblicke in einen Wendepunkt meines Lebens geben konnte. Ich hoffe, dass es dir die Angst davor nimmt, selbst einen lange geplanten Schritt zu gehen.

Ich wünsche dir von ganzem Herzen, dass du genügend Selbstvertrauen hast, um ein Risiko einzugehen und deinen Träumen zu folgen.

Danke für 12 Kommentare

Wir freuen uns über deine Fragen, deine Hinweise und dein allgemeines Feedback. Wenn du eine spezielle Frage zum Beitrag hast, schaue bitte zuerst in den bisherigen Kommentaren nach, ob du die Antwort dort findest.

12 Kommentare zu "Wie ein kleines Dorf in Australien mein Leben verändert hat"

avatar
Sortieren nach:   Neueste | Älteste | Beliebteste
Krissie
Leser
Krissie

Sebastian, wie witzig! Irgendwie treffen wir uns immer wieder! Entweder auf dem Tomatenfeld in Australien oder beim Skat danach, oder Jahre später zufällig in einer Buchhandlung mitten in Hamburg und jetzt online! 🙂
Hört sich super an, was du jetzt machst!!! Ganz liebe Grüße auch von Sönke 🙂

Hans genannt Jack
Leser
Hans genannt Jack
meine Tochter, Julia-22 jahre, ist zur Zeit gerade in der Nähe und pflückt ebenfalls Zitronen. Sie wollte unbedingt ein Jahr nach Australien-was ich erst nicht wirklich verstand, aber dann fand ich nach und nach doch einige Erklärungen. Ich, ihr Papsch wie sie mich nennt, jetzt 63 jahre, hatte damals auch Fernweh- für die ganze Welt. Aber da war DDR und das Fernweh damit begrenzt. trotzdem sind wir losgetrampt und haben erkundet was ging. Somit kann ich schon ein bischen verstehen was meine Juleka in die Welt zieht. Dein Beitrag, Sebastian, hat mir auch eine Erklärung gegeben und ich kann deine Beweggründe nachvollziehen, auch verstehe ich die Jule besser. Ich bin stolz wie sie sich durchkämpft, weil einiges was Sie seit dem Nov. 2016 erlebt hat war ganz schön krass und grenzte an ziemlich böser Ausbeutung. Auch was Jule jetzt von der Zitronenernte berichtet ist nicht schön. Aber was ich aus dem Beitrag von Sebastian gelesen habe (die Begegnung und der Austauch mit Anderen) entschädigt dafür evtl. ein Stückchen. Das hoffe ich sehr für meine Juleka, die seit Brisbane mit einer Freundin unterwegs ist, die sie dort in `nem Job kennenlernte, und die seitdem zusammen “kämpfen”. Ich weiß, dass man so… Mehr lesen »
Lance Ladon
Leser
Lance Ladon
Hört sich ja alles toll an. Aber oft wird da ein wichtiger Faktor vergessen: DAS ALTER ! Mit 50 oder drüber wirst du es dir zweimal überlegen nochmal große Risiken einzugehen. Sowieso reden wir nicht von der Familiengründungsphase dazwischen. Wenn man jung ist hört sich das alles toll an, a’ la “The Beach” mit Romanzen, Abenteuern etc. Aber mit zunehmendem Alter wird es den Meisten immer schwerer fallen immer wieder NEU anzufangen ! Das hat zum einen mit zu tun daß neben geistiger und körperlicher Leistungskraft bei vielen auch die Attraktivität nachläßt und somit der Faktor Geld für viele immer wichtiger wird um attraktivere Zeitgenossen an sich zu binden bzw. für den Fall eines “Totalausfalls” Sicherheiten zu bilden. Ich finde es immer wieder viel zu kurzsichtig gedacht immer alles nur in seiner Generation zu sehen und nicht generationenübergreifend zu denken. Gerne würde ich eine Diskussion über das “Aussteigen” auch in späteren Lebensjahren anstoßen und über die Möglichkeiten die in dieser Welt bestehen. Jedoch berufen sich alle meine Erfahrungen bis jetzt leider eher darauf daß in jungen Jahren deine Attraktivität und Jugend zählt und Geld noch relativ unwichtig ist während es in späteren jahren immer mehr an Bedeutung gewinnt. Alles was… Mehr lesen »
trackback

[…] Jahre meines Lebens innerhalb festgelegter Grenzen gelebt und gedacht. Dann hat sich so einiges in meinem Leben verändert. Seitdem kann ich nicht nur auf viele tolle Erlebnisse zurückblicken, sondern habe mich vor allem […]

trackback

[…] musste bei der Frage immer an Childers im australischen Queensland denken. Dort hat er jeden Tag zwölf Stunden Tomaten gepfückt. Dort hat er gelernt, wie wichtig es […]

hans
Leser
hans

Hallo sebastian,

Ich kenne diese Geschichte irgendwoher – von mir :DD

Nur ganz kurz: hab eine klassische Auslandszeit in Neuseeland verbracht. Nach einigen – mehr oder weniger guten – Stationen kamen wir in Wellington an, in der Hauptstadt. Wir sind auch nur dahin, um Jobs zu bekommen. Was vorher nicht geklappt hatte. Mit der Hoffnung auf das große Geld fingen wir an, auf dem Bau zu arbeiten. Es war Drecksarbeit, richtiges Schuften. Highlight des Tages war, wenn wir mit dem Kran fahren durften. Aber die Gemeinschaft im Hostel hat das alles wieder wettgemacht. Genauso wie du habe ich in unglaublich kurzer Zeit viele Leute getroffen, einige wurden richtig gute Freunde. Wir haben zusammen Straßenmusik gemacht, alles gut.
Dann bekam ich einen Schwächeanfall. Und flog zurück nach Deutschland.

So kann es auch laufen. Trotzdem war Neuseeland – und Wellington – die beste Entscheidnung meines Lebens. Wie du schon gesagt hast: Weil es egal ist, an welchen Ort du reist. Wichtig sind am Ende immer die Menschen um dich herum.

Danke für die Story! Morgen fahre ich nach Childers.

JonasB
Leser

Hey Sebastian,

wirklich eine sehr inspirierende und motivierende Geschichte. Wie du schon sagst: Solche Zeiten erlebt man nur, wenn man sich aus seiner Komfortzone traut. Planen lässt sich das nicht.

Schöne Grüße und weiter so,
Jonas

@Maria: In Australian sind fast alle Backpacker mit dem Working-Holiday-Visum unterwegs, was man einmal im Leben recht einfach bekommt und 1 Jahr Aufenthalt und Arbeitserlaubnis beinhaltet.

Maria
Leser
Maria

Hallo!

Eine sehr inspirierende Geschichte hast du erzählt! Mich interessiert nur die Frage: wie war es mit der Arbeitserlaubnis? Ich kann mir nicht vorstellen, dass Hunderte Backpacker ein Arbeitsvisum hatten oder schwarzgearbeitet haben..

Grüße,
Maria

wpDiscuz