Seasteading oder vom grenzenlosen Leben in internationalen Gewässern

Hast du jemals was von dem Begriff Seasteading gehört? Um ehrlich zu sein, ich bis vor kurzem nicht. Das Konzept dahinter ist ebenso einfach wie genial. Es beschreibt das dauerhafte Leben auf hoher See, außerhalb von staatlichen Verwaltungszonen und Gesetzen.

Am letzten Wochenende hatte ich ein sehr interessantes Gespräch mit einem Freund, in dem ich zum ersten mal den Begriff Seasteading gehört habe. Kannst du damit etwas anfangen? Ich finde das Konzept dahinter absolut abgefahren und möchte die Idee dahinter mit dir teilen.

Unter Seasteading wird laut Wikipedia das „Konzept der Schaffung von Stätten dauerhaften Wohn- und Lebensraums auf dem Meer, genannt Seasteads, außerhalb der von den Regierungen jedweder Nation beanspruchten Gebiete.“

Rechtlich gesehen können Staaten nach dem Seerechtsübereinkommen der UN ein Gebiet innerhalb von 370 km vor der eigenen Küste als ausschließliche Wirtschaftszone beanspruchen. Alles was darüber hinaus geht gilt als Zone mit losen Rechts- und Verwaltungsvorschriften. Genau das machen sich die selbstverwalteten Seastads zu Nutze.

Als Seastads dienen größere Yachten, Kreuzfahrtschiffe, zweckentfremdeten Bohrplattformen oder künstliche Inseln. Der Sinn dahinter besteht darin, sich in internationalen Gewässern Gesetzen zu entziehen, um beispielsweise Abtreibungen zu ermöglichen, einen Radiosender entgegen von staatlichen Restriktionen auszustrahlen oder Steuerpflichten im eigenen Land zu entgehen.

Theoretisch könntest du auf einem Seastead ganz einfach einen Wohnsitz außerhalb des eigenen Landes anmelden, ohne dafür eine Aufenthaltsgenehmigung zu benötigen, oder ein Unternehmen führen, ohne an die gängigen Rechtsvorschriften gebunden zu sein.

Auch wenn dieser Beitrag für die meisten von uns wohl eher in die Kategorie „Unnützes Wissen“ fällt, als das er wirklich hilfreich ist, hat mich das Konzept Seasteading so gefesselt, dass ich weiter dazu recherchiert habe.

Zugegeben, viel davon ist noch Utopie, aber bestens geeignet, um mal außerhalb unserer oft festgefahrenen Vorstellungen zu denken. Im gewissen Maße passt es ja auch als Extrem des Wireless Life ohne Grenzen wunderbar in diesen Blog.

 

Die Welt bereisen, ohne jemals sein Zuhause verlassen zu müssen.

Für die wohlhabenden Vertreter unserer Erde bieten verschiedenen Luxusyachten den Kauf oder die Miete von Wohnungen auf einem Schiff an. Der Anbieter eines solchen Seasteding Erlebnisses „The World“ beschreibt es folgendermaßen:

Imagine the ultimate lifestyle that comes with combining a private yacht and a luxury vacation home. A home that takes you all around the globe, allowing you to wake up to new scenery outside your private veranda every few days.

So sieht das Leben auf der größten bewohnbaren Privatyacht der Welt mit insgesamt 165 luxuriösen Wohnungen, 12 Decks und einer Länge von knapp 200 Metern aus. Seit 2002 umkreist „The World“ ununterbrochen den Globus und legt im Sinne eines Kreuzfahrtschiffes an den bekanntesten Häfen der Welt an.

Anders als bei einer Kreuzfahrt befindet sich die Yacht jedoch im gemeinschaftlichen Privatbesitz seiner Bewohner, die somit alle Entscheidungen an Bord treffen. Auch über die sich jährlich ändernde Route stimmen die Bewohner des Schiffes ab, so dass den Langzeitbewohnern an Bord nicht langweilig wird.

Wer einen Platz auf dem Luxusschiff ergattern will, der kann sich auf der Warteliste eintragen und bei Verfügbarkeit eine Wohnung kaufen. Derzeit leben 130 der reichsten Familien der Welt an Bord. Die Wohnungen sind 27 bis 370 qm groß und kosten zwischen 1 und 13 Millionen USD.

An Bord gibt es natürlich alle Annehmlichkeiten und dazu werden auch Expeditionen angeboten. Internet und Telefon sind jederzeit verfügbar, so dass auch von unterwegs aus gearbeitet werden kann. Sozusagen das ortsunabhängige Luxusbüro auf hoher See.

Ein ähnliches Projekt ist das Freedom Ship, was allerdings noch in Planung ist und einen kommerzielleren Gedanken hegt als „The World“. Es gibt weitere Anbieter, die sich jedoch alle eher an Superreiche als an digitale Nomaden richten. Eine Alternative zum Seasteading bietet da schon eher die nächste Alternative …

 

Internationale Entrepreneure in internationalen Gewässern

Das 2008 gegründete Seasteading-Institut, eine Non-Profit-Organisation, hat sich zum Ziel gesetzt, die „Errichtung autonomer, mobiler Gemeinschaften auf schwimmenden Plattformen in internationalen Gewässern zu erleichtern“.

Mit dem ClubStead gibt es bereits einen ersten Projektentwurf für eine schwimmende Gemeinschaft auf einer Art Bojen. Das bisher am weitesten fortgeschrittene und erste kommerzielle Projekt dieser Art ist Blueseed.

In Partnerschaft mit dem Seasteading-Institut will Blueseed eine Community von Entrepreneuren auf einem Schiff vor der Küste von San Francisco erschaffen. Dadurch haben Startups aus aller Welt die Möglichkeit ihr Unternehmen nahe der Silicon Valley zu launchen und wachsen zu lassen, ohne ein Visum für die USA zu benötigen.

Das Schiff soll als schwimmender Coworking und Coliving Space mit High-Speed Internet und täglichen Fähren zum Festland dienen. Laut Angaben von Blueseed haben bereits über 1.500 Unternehmer aus aller Welt Interesse daran bekundet, auf dem Schiff zu leben und zu arbeiten. Noch dieses Jahr soll das Projekt Realität werden.

Die Blueseed ist 200 Meter lang und bietet Platz für 1.500 Passagiere, worunter sich neben Entrepreneuren und Besatzungsmitgliedern auch Coaches, Investoren, Rechtsanwälte und andere Service Provider befinden sollen. Natürlich gibt es an Bord auch alle Annehmlichkeiten, die man an Land nutzen könnte. Der angepeilte Preis für das günstigste Paket mit 1.200 USD im Monat ist erstaunlich günstig.

Modell der Blueseed

So könnte die Blueseed aussehen

 

Mikronationen auf hoher See

Einen ganz anderen Seasteading-Ansatz bieten Mikronationen. Anstelle von Seasteads auf Schiffen handelt es sich hierbei um winzige, feststehende Nationen auf Land und Wasser. Sie alle haben gemeinsam, dass sie von Individuen als souveräne Staaten ausgerufen wurden aber nicht offiziell von der Staatengemeinschaft anerkannt sind. Viele dieser „unechten“ Staaten haben eigene Währungen, Briefmarken oder Flaggen und stellen sogar eigene Reisepässe aus.

Zum ersten mal selbst gesehen habe ich eine Mikronation in Westaustralien, das Hutt River, wo “Prince Leonard” im Jahr 1970 nach einem Streit mit der australischen Regierung seinen Grundbesitz als Fürstentum ausgerufen hat. Mittlerweile hat die Mikronation bereits 18.000 “Overseas Citizens” aus der ganzen Welt.

Auch Christiana in Kopenhagen galt lange Zeit als Freistadt, bevor es 2011 an die dänische Regierung übergeben werden musste. Deutsche Beispiele für Mikronationen sind die Bunte Republik Neustadt in Dresden oder die Republik Freies Wendland bei Gorleben.

Neben den Mikronationen auf festem Land, gibt es auch echte Seasteads, die sich auf alten Ölplattformen, unbewohnten Inseln oder Korallenriffen gegründet haben. Einige der wohl bekannteren Mikronationen auf hoher See sind die folgenden:

  • Sealand: das bekannteste Beispiel für eine Mikronation in internationalen Gewässern ist das Fürstentum Sealand auf einer verlassenen Seefestung vor der britischen Küste, die 1967 von einem Ex-Major zum Betrieb eines Radiosenders beansprucht und bis heute verteidigt wird.
  • Republik Minerva: auch ein prominentes Beispiel, bei dem ein Immobilienunternehmer aus Las Vegas 1971 auf einem Atoll der unbewohnten Minerva-Riffe nahe Tonga im Pazifik einen Staat gründen wollte, was jedoch während der Bauarbeiten durch das Militär von Tonga verhindert wurde.
  • Gay & Lesbian Kingdom of the Coral Sea Islands: als Protest gegen die Ablehnung der gleichgeschlechtlichen Ehe in Australien segelten Aktivisten im Jahr 2004 zu den Korallenmeerinseln vor der Küste von Queensland, hissten dort eine Regenbogenflagge und haben heute sowohl einen König als auch eigene Briefmarken und den Euro als offizielle Währung.

Auch wenn diese Seasteads in internationalen Gewässern nicht von souveränen Ländern anerkannt und wohl belächelt werden, sind sie ein Beispiel dafür, wie unkonventionell denkende (und teilweisende wohl auch geistig etwas verwirrte) Menschen ihr Leben nach eigenen Regeln erschaffen.

Ein weiteres Beispiel für ein außergewöhnliches Leben auf hoher See ist das Studiensemester an Bord eines Schiffes. Nicht unbedingt das klassische Seasteading aber ich wollte allen Studenten unter uns diese Option nicht vorenthalten.

 

Semester At Sea – Studieren auf dem Schiff

Unter dem Titel Semester at Sea bietet das Institute for Shipboard Education ein 14-wöchiges Studiensemester auf dem Schiff an. An dem Programm haben bereits 55.000 Studenten von über 1.500 Universitäten weltweit teilgenommen.

Das “Seesemester” wird anscheinend von einigen Unis sogar als offizielles Auslandssemester anerkannt. Verschiedene Schiffe fahren das ganze Jahr hindurch auf unterschiedlichen Routen mit ca. 720 Studenten an Bord um die Welt. Die Bewerbung für das Programm steht jedem eingeschriebenem Studenten offen.

 

Was denkst du über die Idee des Seasteading?

Bisher ist das Konzept wohl noch nicht ganz praxisreif, bietet aber viele Möglichkeiten. Stelle dir nur mal vor, dass du in internationalen Gewässern nach völlig neuen Regeln ein Unternehmen betreiben oder dein Leben führen kannst. Das Ganze ohne Visabeantragung, Wohnsitzanmeldung oder Gewerbeschein.

Natürlich kann das kein Dauerzustand sein, da selbst die größten Wasserratten auch mal festen Boden unter den Füßen brauchen. Das Potenzial hinter der Idee der Seasteads ist meiner Meinung jedoch riesig. Ich bin auf die weiteren Entwicklungen gespannt und werde ganz sicher darüber berichten.

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In der Tat erzeugt Dein Beitrag neue, unkonventionelle Gedanken in mir. Schon komisch sich bewusst zu machen, dass Beschränkungen davon abhängig sind, auf welchem Quadratmeter unserer einzigen Erde wir uns aufhalten mögen. Und gleichzeitig können bereits 370km entfernt, auf See, alle Beschränkungen fallen!
Dazu möchte ich gerne mehr erfahren!
Viele Grüße,
Matthias

Linda Benninghoff (@Nanamia_de)

Hallo Sebastian,
ein super interessanter Beitrag 🙂
Die Idee finde ich faszinierend, zumindest für ein paar Monate könnte mir das auch gefallen.
Wahrscheinlich hätte ich aber doch zu viel Angst vor Stürmen, Tsunamis und anderen Katastrophen, sodass ich mich auf eine normale Kreuzfahrt beschränken würde 😉
Wäre für den Anfang ja auch nicht schlecht 🙂

Viele Grüße
Linda

Krasse Sache.

Hast Du bei Deinen Recherchen von dem Rechenzentrum gelesen, dass Google auf hoher See bauen will oder schon gebaut hat?

Hallo Sebastian,

das ist in der Tat ein wirklich interessantes Thema. Ich hatte selbst schon mal hypothetisch darüber nachgedacht, dass man ja ein altes Passagierschiff kaufen und zum schwimmenden Wohnblock ausbauen könnte, dessen Wohnungen man dann an digitale Nomaden vermietet… Umso interessanter finde ich es, dass es sowas tatsächlich gibt. Ich hätte selbst auch Lust, eine Zeit lang auf einem Schiff zu leben.

Grüße aus Moskau,
Justin