Resilienz: Wie du sicher mit Rückschlägen umgehst

Du hast goßen Mutes eine schwierige Entscheidung getroffen, all deinen Mut zusammengenommen, begibst dich auf den noch unbekannten Pfad … und du scheiterst. Warum Scheitern nichts Schlimmes ist und dir sogar helfen kann, noch stärker aus dieser Krise herauszukommen, erfährst du hier.

Alexandra Kuptz

Glücksbeauftragte Alexandra schreibt

“Das Alte stürzt, es ändert sich die Zeit. Und neues Leben blüht aus den Ruinen.” – Schiller

Von der Freiheit

Kennst du das? Du hast dir etwas vorgenommen, neue Pläne geschmiedet, dich endlich getraut, aus deiner Komfortzone auszubrechen, mal etwas Neues zu probieren, du hast deinen Mut zusammengenommen. Vielleicht hast du sogar deinen Job gekündigt, bist in eine neue Wohnung gezogen, hast mit deinem Freund Schluss gemacht … alles keine leichte Entscheidung. Einfacher wäre es sicherlich gewesen, in der alten Situation zu bleiben. Schön bekannt, vielleicht etwas ungemütlich, aber doch noch okay.

Jetzt findest du dich in einer komplett neuen Situation wieder, die sich vielleicht etwas seltsam anfühlt. Vielleicht überkommt dich auch ein unglaubliches Gefühl von Freiheit, als könntest du Bäume ausreißen, alles erreichen, was du willst. Du hast dich getraut. Was für ein Dopaminüberschuss! Deine Glückhormone tanzen Tango.

Vielleicht mischen sich diese Gefühle auch mit den Gedanken „Was tue ich hier gerade eigentlich?“ und Zweifeln, ob die Entscheidung die richtige war.

Mir ging es so manchmal so beim Start in meine Selbständigkeit. Mein Arbeitsvertrag ist ausgelaufen, ich habe nicht verlängert, sondern mich für ein „neues Leben“ entschieden. Ich wollte „frei“ sein, selbstbestimmter leben.

Mit dem Wunsch nach mehr Selbstbestimmung bin ich anscheinend nicht allein. In einer Xing-Umfrage von Oktober 2018, in der 1.403 Xing-Mitglieder zum Thema Arbeit befragt wurden, wünscht sich knapp jeder fünfte Angestellte (18 Prozent), dass er in 15 Jahren überwiegend projektbasiert oder als Freelancer arbeiten wird. Die größten Motivationstreiber, sich als Freelancer zu betätigen, sind flexible Lebensgestaltung (83 Prozent) und die Arbeit an interessanten Themen (70 Prozent).

 

Von der Idee zum … Scheitern

Dass das Leben als Freelancer bzw. Selbständiger nicht immer leicht sein würde, ein Haufen Arbeit vermengt mit einer Menge Rückschläge bedeutet, bei denen ich permanent auf meine eigene Person und meine Grenzen zurückgeworfen war und bin, hätte ich mir in dem Ausmaß vorher nie ausmalen können.

Und? Hätte ich den Schritt nochmal getan? Ein ganz klares: JA! Ganz ehrlich, liebe Leserin, lieber Leser, gerade WEIL die Zeit nicht immer einfach ist, hat sie mir soviel über mich, meine Person, meine Grenzen, meine Eigenschaften und meine Ziele und Werte im Leben verraten.

Ich hätte niemals in einer so kurzen Zeit über mich lernen können wie in diesem Prozess. Und es hält immer noch an. Es ist ein ständiger Lernprozess, der niemals vorbei sein wird.

Man kann selbst entscheiden wie schnell und wieviel man über sich lernen will. Aber rein theoretisch kannst du jeden Tag zumindest eine Kleinigkeit über dich herausfinden oder die Dinge, die du schon über dich weißt, bestätigen (lassen).

Man sagt, dass es ca. 3-5 Jahre dauert, bis sich eine Selbständigkeit etablieren kann. Dazu kommen unzählige gescheiterte Versuche eine Selbständigkeit aufzubauen. Diese Versuche werden aber oftmals gar nicht mitgezählt oder gar erzählt. Nun werden diese seit einiger Zeit in sogenannten „Fuckup Nights“ beschrieben. Ursprünglich von Gründern aus Mexiko-Stadt entwickelt, finden diese Abende nun auch Anklang in weiteren 252 Städten verschiedener Länder.

Ich finde diese Entwicklung unglaublich hilfreich und augenöffnend. Ca. 80-90% der ersten Ideen und Versuche scheitern. Das ist eine gewaltige Zahl. Durch diese immense Zahl und die „Fuckup Nights“ hat man zumindest nicht mehr das Gefühl als alleinige „Versagerin“ dazustehen, sondern findet sich inmitten von Gleichgesinnten wieder. Menschen, die tolle Ideen haben, es aber nicht beim ersten Mal schaffen davon zu leben.

Ich glaube, der Erfolg der Fuckup-Nights liegt darin, dass wir in Deutschland gesellschaftlich noch nicht so weit sind, offen übers Scheitern zu sprechen“, sagt Weicholdt, der Veranstalter der Leipziger Fuckup Nights.

Das Interesse der Zuschauer liege auch ein bisschen an Voyeurismus und Schadenfreude, “aber vor allem geht es ihnen darum, zu sehen: Jeder hat Krisen und man kommt wieder auf die Beine” (zum Artikel und zu einer ausführlichen Fuckup Story).

 

Vom Aufstehen

“Der Erfolgreiche lernt aus seinen Fehlern und wird auf neuen Wegen von vorne beginnen.” – Carnegie

Aber nicht alle Gründerinnen oder Selbständige kommen wieder auf die Beine, nicht alle versuchen es nochmal. Denn Scheitern ist nicht toll oder angenehm, sondern äußerst schmerzhaft und gar nicht gut für unser liebes Ego.

Ein kleiner Exkurs: Erinnerst du dich noch daran als du klein warst? Wie oft du versucht hast, laufen zu lernen und dabei immer wieder umgefallen bist? Wahrscheinlich nicht. Aber du kannst Kinder heute nochmal dabei beobachten. Was für ein Spaß sie haben immer wieder aufzustehen und wie wenig es ihnen ausmacht hinzufallen. Sie probieren es so lange, bis sie wirklich laufen können.

Aber wie kommt man als Erwachsener wieder „auf die Beine“? Sei es in einer Selbständigkeit oder in jeglicher sonstigen Hinsicht. Es wird uns weder beigebracht, dass Scheitern normal ist und dass es zum Leben dazu gehört, noch wie man wieder aufsteht, wenn man unten ist.

Scheitern wird oft sogar als Gesichtsverlust wahrgenommen, als tiefer Schlag mitten ins Herz des Egos. Zum Glück haben ein paar Menschen heutzutage verstanden, dass es an der Zeit ist zu zeigen, dass Scheitern genauso zum Leben dazu gehört wie Höhepunkte.

In Verbindung mit dem Wort „Scheitern“ findet man oft den Begriff Resilienz. Ursprünglich kommt das Wort aus der Werkstoffkunde. Es beschreibt die Fähigkeit eines Stoffes, nach einer Verformung durch Druck oder Zugeinwirkung wieder in seine alte Form zurückzukehren.

Diese Definition veranschaulicht die Fähigkeit eines Systems, von außen und innen kommende Irritationen ausgleichen oder ertragen zu können, ohne seine eigene, ursprüngliche Form einzubüßen. Übertragen auf uns Menschen bedeutet das also „Widerstandsfähigkeit“ zu haben bzw. zu entwickeln.

Wenn wir uns trotz schwieriger Lebensumstände psychisch gesund entwickeln und vielleicht sogar noch stärker werden, sprechen Psychologen von Resilienz. Resilienz ist etwas, was man erlernen kann, genauso wie das Laufen als Kind.

In „Ressourcenförderung in Zeiten ständigen Wandels: Resilienz für Mitarbeiter, Führungskräfte und Unternehmen“ (2013) beschreiben die Herausgeber der Bertelsmann Stiftung in ihrem Buch die sieben Säulen der Resilienz:

  1. Optimismus
  2. Akzeptanz
  3. Lösungsorientierung
  4. Verlassen der Opferrolle
  5. Übernahme von Verantwortung
  6. Netzwerkorientierung
  7. Zukunftsplanung

 

Optimismus: Mit Optimismus ist eine Einstellung gemeint, dass bestimmte (Krisen-)Situationen im Leben nach einer gewissen Zeit überwunden werden können und „alles gut“ wird. Im Falle eines ersten Scheiterns der Selbständigkeit würde das bedeuten, dass ich nicht gleich den Kopf in den Sand stecke und positiv in die Zukunft blicke. Die Situation bleibt ein und dieselbe, aber du kannst dich entscheiden, WIE du auf diese blickst und diese für dich bewertest.

Akzeptanz: Erst mit der Akzeptanz kann Krisenbewältigung passieren. Eine Situation kann erst gemeistert werden, wenn man der Realität, wie z.B. dass man gescheitert ist, in die Augen blickt. Es klingt vielleicht erstmal paradox, aber stell dir vor du willst es einfach nicht wahrhaben, dass du vielleicht gescheitert bist und versuchst dich noch mit aller Kraft über Wasser zu halten. Dann kannst du dich schlecht dem nächsten Schritt, der Lösungsorientierung widmen, denn du hängst immer noch in der Vergangenheit fest.

Lösungsorientierung: Sinnvoller ist es also, die Situation zu akzeptieren und nach geeigneten Lösungen zu suchen statt dich weiter abzustrampeln und gedanklich in der Vergangenheit zu hängen. Das kostet weniger Energie und ist zielführender als sich vor der Realität zu verstecken. Es macht hier natürlich sehr wohl Sinn, zu schauen, welches die Fehler waren und warum eine Situation nicht so ausgegangen ist, wie du es erwartet hast. Mit diesem Wissen kannst du leichter nach vorne blicken und vermeiden, dass du denselben Fehler nochmal machst.

Verlassen der Opferrolle: Es ist immer leichter sich aus der Verantwortung zu ziehen, andere für das eigene Scheitern heranzuziehen. Sicherlich spielen auch immer mehrere Faktoren eine Rolle. Bei der Krisenbewältigung ist es aber wichtig seine eigenen Anteile zu erkennen, aus seinen eigenen Fehlern zu lernen und sich auf seine Stärken zu besinnen, damit zu arbeiten.

Verantwortung übernehmen: Übernimm selbst Verantwortung für die Situation, nimm das Ruder selbst und die Hand und aktiviere deine Ressourcen.

Netzwerkorientierung: Hierbei kann es sehr hilfreich sein, sein soziales Umfeld zu (re-)aktivieren. Das können entweder (ehemalige) Kollegen, Freunde oder Familie sein, die auf dem Weg aus der Krise unterstützen können. Im Businesskontext kann es auch sinnvoll sein, sich gleichgesinnten anzuschließen und sich über sein Scheitern auszutauschen.

Zukunftsplanung: Es ist wichtig, aus seinen Fehlern zu lernen. Denn Scheitern an sich ist nicht schlimm, nur denselben Fehler nochmal zu machen wäre ziemlich unnötig. Daher ist es sinnvoll die nächsten Schritte zu planen und sich auf das neue Vorhaben vorzubereiten. Dazu gehört auch ein Plan B zu haben, also z.B. der Frage nachzugehen “Was passiert, wenn Situation X passiert?”. Bereite dich auf Eventualitäten vor und plane Risiken mit ein.

Resilienz lässt sich nicht von heute auf morgen aufbauen. Aber die oben genannten Säulen können dir helfen, einigermaßen unversehrt aus einer Krisensituation, aus einem Scheitern das Beste zu machen, ja das Scheitern gar zu zelebrieren.

“Mach mal ruhig Pause. Die Welt kommt auch ohne uns nicht zurecht.” – Quis

 

Ich selbst habe mir nach einem gescheiterten Projekt dieses Jahr eine längere Auszeit genommen, um die Dinge, die passiert sind zu verarbeiten und um mich nochmal neu auszurichten. Gerade nach einem gefühlten „Scheitern“ wird gesellschaftlich suggeriert, sofort wieder aufzustehen und weiterzumachen.

Herumzusitzen und zu „trauern“ wird in einer männerdominierten Businesswelt schwer akzeptiert. Manchmal hilft es aber sehr das Erlebte erst einmal sacken zu lassen, bevor es wieder weitergehen kann.

Mein Tipp an dich: Mache alles, was jetzt gegen deine „Vernunft“ spricht: Mache einen langen Urlaub, verreise, lerne etwas, was du immer schon mal machen wolltest, aber gar nichts mit deinem Job zu tun hat, lebe in den Tag hinein, lerne ein Instrument, starre 7 Stunden die Wand an. Habe dabei kein schlechtes Gewissen. Ich kann dir nur sagen, dass diese Auszeit und das „Nichtstun“ eine unfassbar wertvolle Zeit für mich war.

Hätte ich diese Auszeit nicht gehabt, hätte ich z.B. nie die Möglichkeit in Erwägung gezogen bei diesem wunderbaren Projekt von Sebastian als Gastautorin mitwirken zu können. Eine Auszeit, ein Rückbesinnen, eine Introspektion ist sehr wertvoll für eine (Neu-)Ausrichtung und in keinster Weise verlorene Zeit, sondern Gold wert für deine persönliche Entwicklung.

Ich habe in den letzten Monaten gelernt dankbar für die kleinen Dinge im Leben zu sein und meine Energie aus innerer Sicherheit zu ziehen, statt sie von äußeren Faktoren abhängig zu machen. Wäre ich selbst nicht „gescheitert“, hätte ich niemals diese innere Kraft und die Klarheit erlangen können, die ich heute habe.

Daher ermutige ich dich nochmals, ein Scheitern nicht als etwas Schlimmes anzusehen, sondern als eine riesen Chance, dich nochmal neu kennenzulernen und wirklich deinem Herzen zu folgen.

Danke, dass du dir Zeit für den Artikel genommen hast.

Alles Liebe <3

 

Alexandra Kuptz

Über die Autorin

Alexandra Kuptz ist selbständige Psychologin. Sie versteht sich als Motivatorin und Glücksbeauftragte und begleitet Einzelpersonen und Gruppen auf ihrer Visions- und Sinnsuche mit einer gesunden Portion Witz und Achtsamkeit.

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