Aufgewacht S1E8: Das Reiskorn oder wie kleinste Veränderungen zu Quantensprüngen werden

Diese Geschichte handelt von dem cleveren Erfinder des Schachspiels. Es geht um die Kraft der kleinen Veränderungen und um den Aufschub von Belohnungen. Wir überschätzen immer das, was wir an einem Tag erreichen können, aber wir unterschätzen das, was wir in einem Jahr erreichen können.

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Schach ist eines der ältesten Spiele der Welt. Erfunden wurde das Brett mit den 64 Feldern in Indien. Einer Legende nach wollte dort der indische Kaiser Sheram den Erfinder seines geliebten Schachspiels belohnen. Ihm kam zu Ohren, dass es einer seiner Untertanen, namens Zeta war, der die Idee für das Spiel hatte.

Der Kaiser ließ ihn rufen und fragte den weisen Mann, wie er ihn für diese tolle Erfindung entlohnen könne. Der schlaue Zeta verneigte sich und bat Sheram, ihm einen Tag Bedenkzeit zu geben. „Nur zu“, sagte der Kaiser, „ich bin reich genug, um dir alle deine Wünsche zu erfüllen“.

Am folgenden Morgen erschien der Erfinder wieder vor dem Thron des Kaisers. Bescheiden bat er darum, nichts weiter als ein Reiskorn auf das erste Feld des Brettes zu legen. „Ein einfaches Reiskorn?“, fragte der Kaiser verwundert. „Ja, mein Gebieter. Für jedes weitere der 63 Felder soll die Menge an Reiskörnern jeweils verdoppelt werden.“

Völlig fassungslos über diesen lächerlichen Wunsch willigte der Kaiser ein. Nicht aber ohne ihm zu sagen, dass dies seiner Großzügigkeit nicht würdig sei. Zeta verließ den Palast und wartete mit einem Lächeln vor dessen Toren. Währenddessen schickte Sheram einen seiner Diener los, um einen Sack Reis zu holen.

Der Diener des Kaisers legte wie befohlen ein Reiskorn auf das erste Feld des Schachbretts, dann zwei Reiskörner auf das zweite Feld, dann vier, dann acht und so fort. Auf dem 15. Feld stand bereits eine 500-Gramm-Packung Reis, mit dem Reis auf Feld 28 ließ sich ein Elefant aufwiegen, mit dem 44. Feld ein Öltanker. Für Feld 55 wäre bereits die jährliche Weizenproduktion der Welt vonnöten.

Nach dem Mittagessen erkundigte sich der Kaiser, ob man Zeta mit seinem Sack Reis schon weggeschickt habe. Sein Diener erklärte ihm, dass die Hofmathematiker gerade unermüdlich errechnen, wie viel Reis sie ihm mitgeben müssen. „Warum dauert das so lange?“, fragte ihn Sheram sichtlich genervt. „Bis spätestens zum Morgengrauen möchte ich, dass Zeta seine versprochene Belohnung erhält und fortgeschickt wird.“

Am nächsten Morgen wartete einer der Mathematiker schon vor dem Schlafgemach des Kaisers. „Mein Gebieter, wir haben die Menge an Reiskörnern errechnet, die wir auf das 64. Feld des Schachbrettes legen müssten. Diese Zahl ist sehr, sehr groß.“ Der Kaiser schüttelte den Kopf: „Egal, wie groß sie auch sein mag, meine Speicher werden davon schon nicht leer werden“.

„Mein Kaiser“, antwortete der Mathematiker, „weder in deinen Speichern, noch den Kornkammern des gesamten Reiches, ist eine solche Menge an Reis vorhanden, die für die Belohnung nötig wäre. Selbst die gesamte Weizenproduktion der Welt würde nicht ausreichen.“

Der Kaiser schüttelte den Kopf und forderte den Mathematiker auf, ihm die Zahl der Reiskörner zu nennen, die so ungeheuerlich zu sein scheint. „Mein Gebieter, du müsstest alle Ozeane austrocknen, das Eis in den nördlichen Gegenden zum Schmelzen bringen und alle freigelegten Flächen mit Weizen bebauen. Um dem Erfinder seine versprochene Belohnung zu geben, wäre dann der Ertrag von ganzen neun Jahren nötig.“

 

Die Kraft der kleinen Veränderungen

Rechenkünstler aufgepasst: Wenn wir annehmen, dass ein Reiskorn 30 Milligramm wiegt, dann würden auf dem 64. Feld des Schachbrettes 540 Milliarden Tonnen Reis stehen. Um das ins Verhältnis zu setzen: Die weltweite Erntemenge von Reis betrug in den letzten Jahren um die 700 Millionen Tonnen pro Jahr.

Kaiser Sheram hätte also bei heutigem Stand die weltweite Reisernte der nächsten 770 Jahre geschuldet. Wenn man die komplette Erde in ein Reisfeld verwandeln würde, dann hätte der Kaiser seine Schulden in neun Jahren begleichen können.

Unglaublich, oder? Solche unvorstellbaren Größenordnungen und alles beginnt mit der Verdopplung eines einzigen Reiskorns.

Die Mathematiker unter uns kennen dieses Phänomen, aber die meisten von uns können sich das nicht vorstellen. Unser Kopf denkt nicht in Potenzen. Ferne Ziele scheinen uns durch gleichmäßige, kurze Schritte nicht erreichbar. Die Wahrheit aber ist, dass kleinste Handlungen zu Quantensprüngen werden können, wenn sie kontinuierlich sind. Was es dafür braucht, ist Geduld.

Stelle dir vor, heute kommt eine Fee zu dir. Sie sagt dir, dass sie dir entweder eine Million Euro gibt, die zu sofort bekommst, oder einen Euro, der sich in den kommenden 30 Monaten jeweils verdoppelt. Wofür würdest du dich entscheiden?

Der angelegte Euro hätte nach zweieinhalb Jahren einen Wert von über 500 Millionen. Es geht hier nicht darum, eine Anlage mit 100% Rendite zu finden, sondern um das Prinzip der aufgeschobenen Belohnung.

Die Frage lautet: Was bin ich bereit, heute zu tun, um morgen Erfolg zu haben?

 

Die aufgeschobene Belohnung

Ende der 60er und Anfang der 70er Jahre wurde an der Stanford Universität eine Studie durchgeführt, die als Marshmallow-Experiment bekannt geworden ist. Kinder im Alter von drei bis fünf Jahren wurden alleine in einen Raum gesetzt und vor ihnen auf dem Tisch wurde ein Marshmallow oder ein Keks gelegt.

Den Kindern wurde gesagt, dass sie die Süßigkeit sofort essen dürfen. Wenn sie aber 15 Minuten warten würden, ohne sie zu essen, dann bekämen sie eine zweite Süßigkeit. Einige Kinder gaben sofort nach, andere hielten sich die Hände vor die Augen oder streichelten das Marshmallow. Ein Drittel der Kinder schaffte es, 15 Minuten lang durchzuhalten, um die Belohnung zu erhalten.

Ungefähr 20 Jahre später wurde die Entwicklung der Kinder aus dem Experiment bewertet. Diejenigen, die das Marshmallow nicht sofort aßen, hatten bessere Schulabschlüsse und waren kompetenter als die ungeduldigen Testpersonen.

Auch wenn das Experiment viel kritisiert wurde, zeigt es einen wichtigen Punkt auf: Geduld wird im Leben oft belohnt. Wenn ich nicht sofort nach der Belohnung greife, fällt diese später höher aus.

Als ich mich selbständig gemacht habe, war mein Bankkonto ziemlich leer. Ich hatte einen Blog mit hohen Besucherzahlen und habe ständig darüber nachgedacht, wie ich damit Geld verdienen kann. Ich habe Werbeanzeigen in die Seite eingebunden, bezahlte Beiträge geschrieben und mich anderweitig prostituiert. Das Ergebnis war, dass ich so zwar ein paar Hundert verdienen konnte, aber immer weniger Besucher auf die Seite kamen.

Mit meiner aktuellen Website, Wireless Life, habe ich es anders gemacht. Ich habe die Belohnung aufgeschoben. Zwei Jahre lang habe ich mit meinen Beiträgen vielen Menschen geholfen, ohne damit auch nur einen Cent zu verdienen. Das Vertrauen, das ich mir damit erarbeitet habe, zahlten mir meine Leser doppelt zurück, als ich mein erstes Buch verkaufte.

Ähnliche Erfahrungen habe ich immer wieder gemacht. Das Leben ist kein Sprint, sonder ein Marathon. Ich komme nicht mit einem Schritt vom Start zum Ziel. Bis zum Ziel sind es viele kleine Schritte und dafür brauche ich Geduld.

Wenn ich an große Ziele denke, ist das demotivierend. Sie sind so weit weg, dass sie unerreichbar scheinen. Viel motivierender ist für mich der erste kleine Schritt, der leicht zu erreichen ist. Wenn ich danach kontinuierlich einen Fuß vor den anderen setze, kann ich großartige Dinge vollbringen.

Einen Satz möchte ich dir noch mitgeben: Wir überschätzen das, was wir an einem Tag erreichen können, aber wir unterschätzen das, was wir in einem Jahr erreichen können.

 

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