Von einem, der auszog, das Unternehmertum zu lernen

Mit dem Laptop um die Welt zu reisen und von unterwegs aus meinen Lebensunterhalt zu verdienen, fühlt sich heute völlig normal für mich an. Das war natürlich nicht immer so. Ich hoffe meine lange Zeit vorherrschenden Zweifel und limitierenden Glaubenssätze inspirieren dich auf deinem Weg.

“Pass gut auf in der Schule. Mache einen vernünftigen Abschluss, suche dir einen sicheren Job und lege genügend Geld für schlechte Zeiten zurück.”

Mit diesen und ähnlichen Ratschlägen bin ich aufgewachsen. Ich kann mich gar nicht mehr genau erinnern, ob die Formulierungen wirklich so lauteten oder ich es mir damals nur selbst oft genug eingeredet habe.

Meine Familie hat mich nie unter Druck gesetzt und mich bei meinen Vorhaben immer unterstützt, dennoch bestimmte der konventionelle Lebensweg lange Zeit mein Handeln. Die Sorge wurde immer dann groß, wenn der vermeintlich sicherere Pfad verlassen wurde.

In dem Umfeld, in dem ich aufgewachsen bin, gab es keine Unternehmer. Selbständigkeit habe ich immer mit hohem finanziellen Risiko und speziellen Anforderungen verbunden. Diese Unsicherheiten einzugehen, dazu war ich als Zwanzigjähriger nicht bereit.

Auch das Reisen, so wie ich es jetzt lebe, war nicht gegenwärtig. Ostsee, Alpen oder Kroatien hießen die Ziele, die man für den wohlverdienten Jahresurlaub aufsuchte. Immer mal wieder gab es diese verrückten Abenteurer, die mit dem Rucksack für ein Jahr um die Welt gereist sind.

Aber für mich war das natürlich nichts. Dafür muss man doch “gemacht” sein.

Sicher hat auch die Gesellschaftsordnung im ehemaligen Ostdeutschland, in dem ich geboren bin, seinen Teil dazu beigetragen. Kurz vor dem Mauerfall wurde ich eingeschult, weshalb die meisten Erinnerungen an die Vorwendezeit verschwommen sind. Die vorherrschende Denkweise war jedoch auch noch Jahre danach allgegenwärtig.

Die Pflicht zur Fürsorge lag damals beim Staat, mit allen positiven und negativen Aspekten. Wer sich an den gesellschaftlichen Erwartungen orientierte, dem waren Job, Auto und Wohnung sicher (auch wenn es mal etwas länger dauerte). Das für meine Großeltern, die in der Nachkriegszeit groß geworden sind, diese Sicherheit einen hohen Wert hatte, kann ich nachempfinden.

Ich hatte nie einen großen Plan für mein Leben, wollte aber selbst für mich sorgen und eigene Entscheidungen treffen können.

Nach meiner klassischen Ausbildung im Einzelhandel ging es für mich nach Berlin. Viele neue Eindrücke, interessante Menschen und immer noch diese innere Unzufriedenheit, die ich nie so richtig einordnen konnte.

Dann im Alter von 23 Jahren erwischte mich eine Welle “sozial begründeter Entlassungen”. Die zeitgleiche Trennung von meiner damaligen Freundin führte dann dazu, das ich endlich den Mut zur Veränderung hatte. Von einem Freund hatte ich von Work & Travel in Australien gehört und entschied mich recht spontan, es ihm nachzumachen.

Ich bin ganz ehrlich mit dir: als ich in Australien ankam, war ich überrascht zu erfahren, das Sydney nicht die Hauptstadt ist. Mein Englisch war miserabel und ich war absolut planlos. Aber vielleicht war es genau das, was ich endlich mal brauchte.

Fernab von meinem gewohnten Umfeld, ohne Plan, ohne Erwartungen und komplett auf mich allein gestellt.

Jeder der für längere Zeit im Ausland war, der weiß, was das mit der eigenen Denkweise anrichtet. Es werden viele mentale Barrieren abgebaut, so vieles scheint auf einmal möglich. Ich habe verstanden, dass ich immer und überall auf dieser Welt überleben kann. Ohne die Fürsorge eines Staates und ohne einen geradlinigen Lebenslauf.

Ein Jahr voller Abenteuer ging vorbei, viele neue Freundschaften wurden geschlossen und Ideen reiften in meinem Kopf. Einige Prioritäten haben sich für mich seitdem verschoben. Reisen war wichtiger als ein sicheres Einkommen. Beziehungen und Erfahrungen bedeutender als materieller Besitz. Was blieb, waren einige meiner alten Glaubenssätze.

Ich konnte mir nun vorstellen, öfter mal Auszeiten zu nehmen, um die Welt zu sehen. Aber bitte schön aus einer Festanstellung heraus, die mir eine sichere Einkommensquelle bieten kann. Der ultimative Plan hieß also, zurück nach Berlin und BWL studieren.

Was kann mit einem Bachelor of Arts schon schiefgehen?

5 Jahre Studium haben mich gelehrt, Dinge kritisch zu hinterfragen. Sie haben mir aber auch bewusst gemacht, das ich mich in einer Bürolandschaft niemals wohl fühlen werde. Dennoch zwang ich mich. Bei 4 kleineren und größeren Unternehmen habe ich während des Studiums gearbeitet und jedesmal kehrte spätestens nach den ersten 6 Monaten Trostlosigkeit ein. Weder in den Vorlesungen, noch bei meinen Nebenjobs, hat mich die Leidenschaft gepackt.

Lag das an mir? Habe ich einfach noch nicht den richtigen Arbeitgeber gefunden? Was stimmt denn bloß nicht mit mir? Schließlich machen es doch meine Freunde auch so. Sie finden einen gut bezahlten Job, kaufen schöne Wohnungen in den Vororten und gründen eine Familie.

Warum kann ich mich damit nicht zufrieden geben?

In meinem Freundeskreis gab es nun immer mehr Selbständige und Weltenbummler. Mein erster ernsthafter Versuch, mich selbständig zu machen, begann gemeinsam mit einem Freund im Studium. Unsere Idee war gut – Studenten, die ein Pflichtpraktika im Ausland absolvieren müssen, an Unternehmen zu vermitteln, in denen sie tatsächlich etwas lernen können und vergütet werden.

Also schrieben wir ein halbes Jahr an unserem Business Plan, mieteten uns ein Büro, entworfen das Logo, stellten wilde Finanzpläne auf und interviewten andere Praktikavermittler unter dem Vorwand, für unsere Bachelorarbeit zu recherchieren. Wir haben uns totkalkuliert, in Annahmen verloren und letztendlich wohl selbst sabotiert.

Auf die Straße gebracht haben wir die eigentlich gute Geschäftsidee nie.

Immer noch überwogen die Stimmen in meinem Umfeld, die eine sichere Festanstellung einer unsicheren Unternehmung vorzogen. Trotz erster, zögerlicher Versuche mit Mini-Jobs im Internet meine Studentenkasse aufzubessern, habe es einfach nicht geschafft, mental daraus auszubrechen.

Der große Befreiungsschlag kam, als ich gemeinsam mit meiner Freundin 2011 nach Shanghai ging. Geplant war ein Auslandsaufenthalt für ein auf 6 Monate befristetes Projekt in der Festanstellung. Kurz vor Auslauf des Arbeitsvertrages habe ich noch ein paar halbherzige Bewerbungen verschickt und unmotiviert in Vorstellungsgesprächen gesessen.

Dann, endlich, habe ich den Sprung gewagt. Ich war selbständig. Einfach so. Ohne Business Plan. Ohne Investitionen.

Mein Englisch war mittlerweile gut, also habe ich mir über Jobportale schlecht bezahlte Aufträge gesucht. Für Bekannte habe ich kleine Webseiten gebaut, für Startups die Social Media Accounts betreut. Zugegeben, die Bezahlung war anfangs schlecht aber ich war endlich glücklich mit dem was ich tat.

Nach ein paar Monaten konnte ich meine Stundensätze anheben, mir meine Kunden mehr und mehr aussuchen und habe nebenbei eigene kleine Projekte gestartet. Das Gefühl, selbst über meine Zeit und Arbeit bestimmen zu können, war wie eine Droge. Da störten mich die 12-Stunden-Tage und die Extraschichten am Wochenende ganz selten mal.

2013 habe ich erstmals vom Begriff der digitalen Nomaden gehört. Mir wurde klar, dass ich eigentlich schon einer von ihnen bin und fühlte mich sofort zugehörig. Immer tiefer verschwand ich in diesem “Rabbit Hole” an Informationen und lernte alles über über Online Tools, Blogging, Affiliate Marketing, E-Commerce und digitale Informationsprodukte.

Meine Freelancer-Tätigkeiten stellte ich ein und gründete meine eigene Marketing-Agentur. Wieder fast ohne Kosten und lediglich mit einem 5-seitigen Business Konzept zur Eröffnung des Geschäftskontos.

Ich war nun echter Unternehmer, der lediglich Kundenakquise betrieb und Aufgaben an andere Freelancer auslagerte. Das Risiko war niedrig und die Bezahlung gut.

Unternehmer zu sein hat mich extrem erfüllt. Das klassische Kundengeschäft jedoch eher weniger. Ende 2014 stoppte ich also die Kundenakquise. Mittlerweile konnte ich von meinen eigenen Projekten auch ganz gut leben.

Mein Blog und die Marke Wireless Life begann ich immer mehr als Unternehmen zu verstehen. Mir wurde klar das ich einen Nerv getroffen habe. Ein Thema, das mich begeistert, mit dem ich anderen Menschen helfen kann und womit sich auch Geld verdienen lässt.

Was mir jetzt fehlte, war der direkte Kontakt zu Gleichgesinnten.

Lange Zeit war ich Einzelkämpfer. Ich habe viel gelernt, mich online vernetzt und ging auf Meetups mit anderen Unternehmern, konnte mich aber selten zum Thema digitale Selbständigkeit austauschen. Also startete ich die Online Community My Wireless Life, um meinen Bloglesern und mir eine Plattform zu geben.

Das digitale Networking, der Austausch in Mastermind Gruppen über Skype und Chats sind zwar ein großartiger Start, werden aber nie das Gefühl der Verbundenheit ersetzten, das ein Treffen vor Ort mit sich bringt.

Glücklicherweise wurde die DNX geboren, es gab immer mehr Meetups für digitale Nomaden und Coworking Spaces schossen überall aus dem Boden. Endlich gab es einfache Möglichkeiten, all die Profilbilder aus dem Netz auch mal persönlich zu treffen.

Ich wollte es aber noch weiter treiben, mich intensiv (über den Small Talk hinaus) mit Gleichgesinnten austauschen. Also beschloss ich gemeinsam mit Freunden, im Sommer 2015 für einen Monat in eine Villa in Bali einzuziehen.

Die Workations waren geboren!

Auf bisher insgesamt 5 Workations haben sich ganz unterschiedliche Menschen versammelt. Von 20-55 Jahren. Vom Neu-Selbständigen hin zu gestandenen Unternehmern. Von der Designerin hin zum Online-Händler. Alle haben eines gemeinsam: sie brennen für den Traum des ortsunabhängigen Arbeitens und wollen diesen mit anderen Menschen und der ganzen Welt teilen.

Je mehr ich mich mit anderen Unternehmern umgebe, je steiler entwickelt sich meine Wachstumskurve. Inspiriert durch viele großartige Gespräche entstanden neue Geschäftsideen und Synergien.

Heute stelle ich mich nicht mehr zögerlich als Blogger oder Online Marketer vor. Ich bin Unternehmer. Mein Blog ist Sprachrohr und Marketingkanal zugleich. Ich verkaufe Informationen und Problemlösungen an Menschen, mit denen ich mich identifizieren kann. Das kommt dem Lifestyle Business schon sehr nahe.

 

Die Retrospektive: was ist in meinem Kopf passiert?

Während der letzten Workation auf Bali habe ich mich sehr viel mit mir selbst beschäftigt. Ich habe mir zwei Wochen lang einen Personal Coach genommen und viel Klarheit über meine Ziele, Stärken und Barrieren gewonnen.

Klarheit über die eigene Vision zu haben, sich seiner Stärken bewusst zu sein und limitierende Glaubenssätze abzulegen, das sind die Grundlagen für Erfolg!

Auf Bali hatten wir außerdem das große Glück mit Marion Lang einen großartigen Unternehmer-Coach dabei zu haben. Unter anderem haben wir in einem Workshop eine Persönlichkeitsanalyse durchgeführt, die 3 unterschiedliche Typen nach ihrem Wertemix auf der Lymbic Map einteilt.

Mein Ergebnis überraschte mich, da meine Anteile an Dominanz (sich im Wettbewerb behaupten) und Stimulanz (nach Abwechslung und Inspiration suchend und gebend) deutlich höher waren als mein Anteil an Balance (nach Geborgenheit und Sicherheit suchend).

Aus heutiger Sicht stimme ich diesem Ergebnis voll zu aber waren diese Werte schon immer präsent in meinem Bewusstsein?

Unsere Werte, an denen wir uns ein Leben lang ausrichten, entwickeln sich ab der 15. Schwangerschaftswoche bis hin zur Pubertät. Die Werte bleiben ein Leben lang bestehen, jedoch sind sie in verschiedenen Phasen unterschiedlich stark entfaltet oder werden unterdrückt.

Heute erkenne ich, dass dieser Drang nach Unternehmertum, nach Abwechslung und Unabhängigkeit schon immer in mir schlummerte. Verschiedene externe Faktoren haben mich ganz einfach lange davon abgehalten, den für mich besseren Weg einzuschlagen.

Vor zwei Jahren hat sich übrigens auch meine Mutter selbständig gemacht. Mit einem komplett anderen Geschäftsmodell aber mit der gleichen Motivation nach Selbstverwirklichung und einer klaren Vision, die ihren Werten entspricht. Zufall? Ich denke es sind eher die richtigen Umstände und der Mut, seinem Herzen zu folgen.

In den Gesprächen mit meinem Coach auf Bali wurde mir klar, dass es auch heute noch viele Glaubenssätze gibt, die mich in meinem Handeln einschränken. Ich werde Schritt für Schritt daran arbeiten und meine Reise, die gerade erst begonnen hat, mit Vollgas weiterführen. Wie sagt man so schön: Erkenntnis ist der erste Schritt zur Besserung.

Wenn ich dir einen Tipp aus meinen Erfahrungen der letzten Jahre mitgeben darf, dann dieser:

Begib dich raus aus deiner sicheren Komfortzone, weg von deinem gewohnten Umfeld. Beschäftige dich mit dir selbst und höre in dich hinein. Was ist es, was du wirklich willst und was gehört zu dem, das Gesellschaft, Familie und Umfeld von dir erwarten?

Meine große Vision als Mensch und Unternehmer ist es, festgefahrene Glaubenssätze aufzulösen und möglichst viele Menschen zu ermutigen, ihren eigenen, selbstbestimmten Lebensweg einzuschlagen. Ich hoffe meine ganz persönliche Geschichte konnte dich dazu inspirieren.

 

P.S. Vielen Dank Carina, dass du mich nach unserem Gespräch in Bali dazu ermutigt hast, meine Geschichte aufzuschreiben! Und vielen Dank an all die anderen großartigen Menschen, von denen ich in den letzten Jahren lernen durfte.

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22 Kommentare zu "Von einem, der auszog, das Unternehmertum zu lernen"

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