Der Anonyme: Die helle und die dunkle Seite der Anonymität [Lifestyle X]

“Sebastian, wir vermissen dich. Alles okay bei dir? Du verpasst so viele tolle Bilder und Kommentare von deinen Freunden!” Diese E-Mails von Facebook haben sich gehäuft, nachdem ich 30 Tage lange untergetaucht bin. Das Experiment Anonymität war eine echte Geduldsprobe mit vielen spannenden Erfahrungen.

Am 31.12.2017 um 23:50 Uhr habe ich mein Handy ausgeschaltet und das WiFi in meinem MacBook deaktiviert. Kurz vor Mitternacht bin ich noch ein letztes Mal zum Geldautomaten gegangen, um Bargeld für die ersten Wochen abzuholen. Was nach dem Feuerwerk zum Jahreswechsel folgte, war ein ereignisreicher Monat mit anfänglich hohem Stresslevel, wichtigen Erkenntnissen und schönen Erlebnissen.

30 Tage lang keine digitalen Spuren hinterlassen, war mein Ziel. Um ehrlich zu sein, habe ich die Schwierigkeit dieses Lifestyle X Experiments absolut unterschätzt. Mir war nicht bewusst, dass ich mich kaum bewegen kann, ohne irgendwo mit meinen Daten erfasst zu werden. Bereits nach einigen Tagen wurde mir klar, wie groß meine Abhängigkeit von Online-Diensten ist und wie wenig ich mich in der Vergangenheit um meine Privatsphäre gesorgt habe.

In den ersten 14 Tagen des Monats habe ich versucht, absolut anonym zu bleiben und dabei Strategien von Hackern anzuwenden, die sich vor allem vor Vollzugsbehörden und Geheimdiensten schützen wollen. Es war extrem anstrengend, was an meinem fehlenden technischen Verständnis und den Programmen lag, die meist benutzerunfreundlich waren, ewig lange Ladezeiten hatten und von niemandem sonst in meinem Umfeld benutzt werden.

Meine Hardware bestand aus einem Android Smartphone, einem zweiten Burner Phone von Samsung ohne WiFi und einem kleinen Asus Notebook, das ich über einen falschen Namen gekauft habe. Über das Netbook war ich nur mit meiner neuen Identität und verschlüsselter Verbindung online. Die Handys habe ich getrennt voneinander für Telefonate und zum Einrichten eines Hotspots genutzt, jeweils mit Prepaid SIM-Karten, die nicht in meinem Namen gekauft wurden.

Nachdem das Einarbeiten in die neue Hardware und Software eine absolute Geduldsprobe war, bin ich in den letzten beiden Januarwochen wieder gewechselt. Ich wollte sehen, ob ich auch mit meinen normalen Arbeitsmaterialien – einem MacBook und einem iPhone – relativ anonym sein kann.

Hinweis: In diesem Beitrag geht es vor allem um das Warum hinter dem Datenschutz und meinen Gedanken dazu. Das Wie mit einer detaillierten Anleitung zum Untertauchen, findest du in diesem Beitrag.

 

 

Habe ich mein Ziel von kompletter Anonymität erreicht?

Nein, trotz größter Mühen und Vorsicht habe ich das nicht geschafft. Mir ist klar geworden, dass absolute Anonymität nur möglich ist, wenn ich Gesetze breche und komplett auf die herkömmliche Kommunikation, Finanztransaktionen und das grenzüberschreitende Reisen verzichte. Selbst wenn ich über gesicherte Verbindungen ins Internet gehe, reicht eine kleine Verbindung (E-Mail, Telefonnummer, IP-Adresse, Login) zu meiner echten Identität und das Katz und Maus Spiel ist vorbei.

Mein Ziel war es, keinerlei digitale Spuren zu hinterlassen, die irgendwo gespeichert werden (E-Mails, Apps, GPS-Daten, Geldbewegungen, Reisebuchungen). Dazu wollte ich mir eine zweite Identität erschaffen, im anonymen Darknet surfen und auf die Nutzung von Smartphone Apps, Kreditkarten oder Identitätsnachweisen verzichten.

In den ersten beiden Januarwochen war ich tatsächlich zu 99% anonym. Ich habe mich über komplett neue Geräte ins Internet eingewählt, zur Arbeit habe ich Fake E-Mails verwendet, zur Kommunikation nur verschlüsselte Programme genutzt, Übernachtungen über ein falsches AirBnB Konto gebucht und die SIM-Karte zum Telefonieren hat ein Einheimischer in seinem Namen für mich gekauft.

In den letzten beiden Januarwochen war meine Anonymität dadurch komprimiert, dass ich wieder meine alten Geräte genutzt habe. Selbst mit größter Vorsicht habe ich mir dabei sicher die ein oder andere Unvorsichtigkeit geleistet. Für die meisten von uns war ich sicher immer noch anonym, wobei Ermittler und Hacker leicht die Verbindung zwischen MAC-Adresse meiner Geräte mit meinen neuen und alten Online-Konten herstellen könnten.

Im folgenden Video, das ich nach gerade mal einer Woche aufgenommen habe, kannst du schon leichte Frustration erkennen. Glücklicherweise hat sich mein Stresslevel in der verbliebenen Zeit deutlich gesenkt.

 

Gelernt habe ich in diesem Monat nicht nur, dass Anonymität viel Geduld benötigt, sondern vor allem Disziplin. Selbst wenn mein Handy im Flugzeugmodus eingeschaltet ist, kann dies über Funkmasten aufgespürt werden (um auf Nummer Sicher zu gehen, muss der Akku herausgenommen oder das Handy in Alufolie bzw. einen Faraday Cage eingetütet werden).

Ein einziger Login bei einem meiner bisherigen Online-Konten von meinem neuen Netbook aus, kann sofort eine Verbindung zwischen meinen Identitäten herstellen. Und auch im Alltag musste ich mich daran gewöhnen, mich nicht als Sebastian, sondern als mein Alter Ego Michael Martin auszuweisen.

Beispielsweise suchte ich in Bangkok im neuen Jahr ein Hotel, bei dem ich ohne Reisepass einchecken kann, was sich in Thailand aufgrund der Gesetzeslage als unmöglich herausstellte. Glücklicherweise konnte ich bei einer Freundin im Vorzimmer schlafen, was die Rezeption erlaubte, nachdem wir eine gute Geschichte erzählt und auf die Tränendrüse gedrückt haben. Dennoch musste ich Name und Adresse in einem Formular ausfüllen und anstatt dort meine Fake Identität einzutragen, die ich mir im Kopf schon seit Tagen zurechtgelegt habe, gewann die Gewohnheit und ich habe meinen tatsächlichen Namen angegeben.

Was Anonymität außerdem braucht, ist eine gewisse Abgeklärtheit, was mir bei einer Polizeikontrolle zwei Wochen später in Chiang Mai bewusst wurde. Die Polizisten hat es nicht interessiert, dass ich keinen Reisepass vorzeigen wollte, solange ich meinen Namen aufschreibe und das Bußgeld bezahle. Nachdem ich zwei Minuten lang überlegt habe, ob ich dort meinen falschen Namen angebe, hatte ich so die Hosen voll, dass ich letztendlich doch Sebastian Kühn auf den Zettel schrieb.

Ca. 3.000 km bin ich mit Motorroller, Bussen und Taxis quer durch Thailand gereist, ohne mich dabei ausweisen zu müssen. Kein großes Problem, solange ich keine Grenzen überquere. Bei der Ticketbuchung und dem Ausleihen von Motorrollern reichte eine kleine Geschichte von meinem verlorenen Reisepass bzw. eine höhere Kaution beim Rollverleih.

Auch nachdem ich meine Wohnung in Chiang Mai Mitte des Monats verlassen habe (die ich im Dezember schon auf meinen Namen gemietet habe), konnte ich entweder mit Hilfe von Freunden in Unterkünfte einchecken oder eigene Wohnungen über ein Fake AirBnB-Konto (und Bezahlung über mein Firmenkonto) buchen.

Ein viel größeres Problem war es, an Bargeld zu kommen. Über Kryptowährungen, die über sogenannte Tumbling Services anonymisiert wurden, habe ich versucht, mir Bargeld per Brief an eine Postbox senden zu lassen, was gescheitert ist. Einige meiner Bitcoins hängen heute immer noch in Wallets im Darknet fest. Eine Woche vor Ende des Experiment war die Frustration dann so groß, dass ich meine Kreditkarte genutzt habe, um Bargeld aus dem Automaten zu bekommen.

Geklappt hat es ein paar Tage später dann doch noch mit Local Bitcoins. In Bangkok habe ich mir für meine anonymiserten (gewaschenen) Bitcoins Bargeld geben lassen. Das hat super funktioniert. Bei langfristiger Anonymität bleibt lediglich die Frage, wie ich Kryptowährungen kaufe. Anonym geht es eigentlich nur mit Bargeld, das ich nicht irgendwo abheben kann, sondern anders bekommen muss. Was bleiben da für Optionen? Schwarzarbeit und illegale Geschäfte, bei denen ich mit Koffern voller Bargeld bezahlt werde?

Ein weiteres Problem ist die Gesichtserkennung. Ich hatte meine Maske oft dabei, wurde beim Aufsetzen aber immer wie ein Krimineller angeschaut, weshalb ich diese an öffentlichen Orten nur selten rausgeholt habe. Ziemlich sicher wurde ich in einer Shopping Mall oder einem Busbahnhof aufgezeichnet.

Schau dich mal in deiner Stadt um, wie viele Überwachungskameras dort hängen. In Berlin gibt es 12.000 Kameras, in London kommt eine Kamera auf 10 Einwohner – Gesichtserkennung ist heute schon so gut, dass wir im Alltag kaum noch unbemerkt bleiben. Was die Kameras heute noch nicht erfassen, werden wohl bald Drohnen übernehmen.

Reisen mit Motorroller und Landkarte

 

 

Oh du schöne Offline-Welt

Dieses Experiment hat mir nicht nur mein Bewusstsein für Datenschutz verstärkt, sondern auch viele schöne Erlebnisse in der analogen Welt beschert. Einen Monat lang hatte ich mein Handy nur in absoluten Ausnahmefällen dabei, habe keine Benachrichtigungen von Facebook & Co bekommen und mich mit Freunden wieder persönlich oder ganz altmodisch über einen kurzen Anruf verabredet.

Nach einer Woche ließen die Phantom-Vibrationen in der Hosentasche (wo normalerweise das Handy steckt) nach und auch das schlechte Gewissen, nicht täglich meine Nachrichten zu checken, nahm rapide ab. Stattdessen klopfte ich wieder an Türen und verabredete mich mit Leuten zu einer bestimmten Zeit an einem festen Ort. Auf einmal funktioniert auch das wieder, ohne sich zwischendurch noch dreimal Nachrichten mit dem aktuellen Standort schicken zu müssen.

Anstatt Thailand zum wiederholten Male zu überfliegen, habe ich auf einer langen Rollertour von Bangkok nach Chiang Mai das schöne Hinterland gesehen und bin mit einigen Einheimischen ins Gespräch gekommen. Genau das gleiche ist im Nachtbus nach Ko Samet und bei Taxifahrten, die ich sonst mit Uber gebucht hätte, passiert.

Diese schönen Gespräche hätte ich nicht gehabt, wenn ich meine Fragen nach der nächsten Tankstelle, dem Wetter für die nächsten Tage oder dem besten Fried Noodles um die Ecke an Tante Google hätte richten können. Und ich habe wieder gelernt, Karten zu lesen und danach zu fahren, was in Bangkok ohne GPS schon eine Herausforderung ist, sich aber gut anfühlte.

Generell hatte ich in diesem Monat einfach viel mehr Zeit, meine Umwelt bewusst wahrzunehmen und mich auf die Menschen in meiner unmittelbaren Umgebung zu konzentrieren, anstatt ständig von meinem iPhone abgelenkt zu sein. Dieses zwanghafte Schauen auf das Handy bei jeder roten Ampel ist etwas, was ich mir nicht wieder angewöhnen möchte.

Facebook hat mich vermisst, mir hat es weniger gefehlt

 

 

Datenschutz versus Bequemlichkeit

Beim Joggen ohne Runtastic App sieht meine Laufgruppe nicht mehr, dass ich gerade aktiv bin. Kein Anfeuern mehr und kein Voice Coach, der mir sagt, wie viele Kilometer ich schon geschafft habe. Das habe ich anfangs schon vermisst, mich aber auch schnell wieder daran gewöhnt, beim Laufen nur meine eigene Stimme im Kopf zu hören.

Wir sind mittlerweile so konditioniert, dass wir Datenschutz gegen kleine Annehmlichkeiten aufgeben. Hier eine Bonuskarte beim Shoppen, da die kostenlose Mitgliedschaft im Social Network und dann noch das bequeme Bestellen von Taxis über eine App. Diese kleinen Dinge machen unser Leben leichter, gleichzeitig machen sie uns zu gläsernen und zunehmend fremdbestimmten Bürgern.

Firmen wie BlueKai, Acxiom oder auch die Deutsche Post verkaufen in Auktionen jeden Tag Millionen von Datensätzen für Bruchteile von Cents an soziale Netzwerke, Online-Händler und andere Werbetreibende. Wir bezahlen im Internetzeitalter mit unseren Daten. Das ist nicht so daher gesagt, sondern absolute Realität.

Wir liefern die Informationen, mit denen wir einen Moment später zu Kaufentscheidungen, Wahlabstimmungen oder Meinungsäußerungen manipuliert werden.

Bitte nimm dir einen Moment, um dir das einmal wirklich bewusst zu machen. Mit diesem Bewusstsein kannst du dann selbst entscheiden, ob du dein Reiseverhalten, deine Kommunikation oder deine Geldbewegungen gegen einen kleinen Rabatt offenlegst oder für deine Privatsphäre ein paar Euro investierst (verschlüsselte Alternativen zu herkömmlichen Apps sind meist kostenpflichtig).

 

Warum Datenschutz jeden etwas angeht

“Wenn man nicht will, dass bestimmte Handlungen negativ in der Öffentlichkeit präsentiert werden, dann sollte man sich überlegen, diese Handlungen gar nicht erst zu vollziehen”, hat Google Chairman Eric Schmidt vor einigen Jahren gesagt. Die erste Reaktion mag Zustimmung sein, aber bitte denke nochmal darüber nach.

Ist das nicht reine Selbstdisziplinierung? Ein Fremdzwang, der zum Selbstzwang wird? Wir sind Menschen mit unterschiedlichen Meinungen, Gelüsten und Vorlieben. Sollten wir diese nicht im Rahmen des Gesetzes ausleben können? Und vor allem sollten wir auch Fehler machen dürfen, die uns nicht für die Ewigkeit nachhängen.

Daten von unseren Reisetätigkeiten, Arztbesuchen, Geldbewegungen, Anrufen und allen Online-Aktivitäten werden immer irgendwo gespeichert. Diese vergangenen Daten geben einen guten Aufschluss über unsere zukünftigen Handlungen. Das mag solange okay sein, bis sich ein Stalker, ein zukünftiger Chef, eine Vollzugsbehörde oder ein werbetreibendes Unternehmen über dich informieren möchte.

Bewusst sein müssen wir uns darüber, dass all diese Informationen für unbestimmte Zeit auf Servern liegen und wir in der Regel nicht mehr Eigentümer dieser Daten sind. Privatperson oder Institutionen können sich jederzeit legal oder illegal Zugriff auf die Daten verschaffen, auch wenn diese nicht mehr im Netz sichtbar sind.

Nach dem Bekanntwerden der Einführung eines “sozialen Kreditsystems” für alle Bürger in China gab es einen riesigen Aufschrei, obwohl das gleiche bei uns auch ncht weit entfernt ist (wenn auch etwas subtiler). Sobald Unternehmen unsere Daten haben, bekommen wir nicht nur personalisierte Werbeeinblendungen, sondern eventuell auch unterschiedliche Preise beim Online-Shopping oder einen besseren Zins für einen Dispo bei unserer Hausbank.

Wie lange wird es noch dauern, bis wir individuelle Krankenkassenbeiträge basierend auf unseren Ess- und Sportgewohnheiten bezahlen? Oder Studienplätze nicht mehr nach Noten, sondern sozialem Engagement im Netz vergeben werden? Vielleicht gibt es auch bald Bonuspunkte, wenn wir die ungenügende Mülltrennung unseres Nachbarn per Webcam filmen und melden?

“Arguing that you don’t care about privacy because you have nothing to hide is no different from saying you don’t care about free speech because you have nothing to say” – Edward Snowden

Beim Datenschutz geht es nicht nur um uns selbst. Es geht darum, ob wir als Gesellschaft unsere Privatsphäre zukünftig als Grundrecht verstehen oder dieses leichtfertig abtreten möchten.

Vergleiche es mit der Umweltverschmutzung: ein einzelner Plastikbeutel macht die Erde nicht kaputt, aber unter der Akkumulation von Plastikmüll leiden am Ende alle Menschen und Tiere gleichermaßen, ohne dass konkrete Täter benannt werden können. Wie beim Datenschutz geht es nicht darum, die Plastikindustrie abzuschaffen, sondern die Mitspieler zu mehr Verantwortungsbewusstsein zu bewegen.

Warum wir unsere Privatsphäre ernst nehmen sollten:

  • um das Erstellen von Persönlichkeitsprofilen durch Krankenversicherer, Banken, staatliche Institutionen oder werbetreibende Unternehmen zu verhindern
  • um dem Verkauf unserer Informationen durch Datenhändler, Marktforschungsunternehmen und soziale Netzwerke entgegenzutreten
  • um den Filter über dem Internet zu deaktivieren (z.B. die personalisierte Suche bei Google, Amazon oder im Facebook Newsfeed), der uns nur Dinge anzeigt, an denen wir in der Vergangenheit Interesse gezeigt haben, wodurch unsere Meinung verstärkt aber nicht differenziert wird
  • um Angriffe durch Hacker und Diebstahl von sensiblen Daten vorzubeugen (hier kannst du testen, ob deine Konten in der Vergangenheit gehackt wurden)
  • um uns vor Geheimdiensten und anderen staatlichen Organen, die unsere Daten auf Druck bei privaten Unternehmen anfordern können, zu schützen

 

Sicheres Arbeiten am Strand

 

 

Gibt es eine Rechtfertigung für Massenüberwachung?

Das große Versprechen des Internets – für mehr soziale Gerechtigkeit und faire Machtverhältnisse zwischen Bürgern und Institutionen zu sorgen – müssen wir neu bewerten. Regierungen und große Unternehmen haben durch Tracking von Nutzern und das Aufkaufen kleiner, unabhängiger Startups die Überhand über Informationen gewonnen, die anfangs noch bei uns Nutzern selbst lag. Was der globalen Demokratisierung galt, ist auf dem besten Wege dahin, die gefährlichste Waffe für Unterdrückung zu werden, die wir je gesehen haben.

Als Snowden aufdeckte, dass sowohl Schröder als auch Merkel systematisch abgehört wurden, waren die News nach ein paar Tagen aus den Medien verschwunden. Auch das umfangreiche PRISM-Programm, welches die NSA mit Hilfe von Skype, Facebook & Co zur globalen Überwachung nutzt, verursachte kaum anhaltende Diskussionen. Wäre das zu Zeiten des kalten Krieges auch so gewesen? Wie stark ist der Unterschied zur Stasi, die noch knapp 30 Jahre nach ihrer Auflösung verteufelt wird?

Ich glaube, unser Verständnis für Überwachung hat sich mit dem Internet schleichend verschoben, so dass wir die Eingriffe heute nicht mehr oder nur noch marginal als Verletzung unserer Grundrechte wahrnehmen.

Überwachung an sich ist nicht schlecht. Eltern schützen dadurch ihre Kinder, Polizisten fangen Kriminelle und Journalisten decken Skandale auf. Was falsch ist, ist der Generalverdacht, der eine globale, flächendeckende und ungezielte Massenüberwachung aller Bürger rechtfertigt. Je mehr wir uns durch Terror und Gewalt verängstigen lassen, desto mehr Rechtfertigung gewinnen Fürsprecher des Datennetzes.

Was dann geschieht ist, dass wir uns wie in der durch den französischen Philosophen Michel Foucault bekannt gewordenen Idee des Panoptikums – ein perfektes Gefängnis, in dem alle Zellen der Insassen in einem Kreis rund um eine Säule in der Mitte angeordnet sind, in der die Wärter sitzen – ununterbrochen beobachtet fühlen und unser Verhalten dementsprechend anpassen. Die offene Frage am Ende ist, wer die Wärter dieses Gefängnisses sind: wir als wachsame Bürger oder ein allsehendes Auge des Staates oder großer Unternehmen.

Ein kleines Beispiel dazu: Die Software zur Gesichtserkennung Churchix wird von Kirchen eingesetzt, um zu sehen, wie regelmäßig Gemeindemitglieder an den Messen teilnehmen und Geld spenden. Die gute Absicht dahinter ist, Kirchengänger zu mehr Beteiligung zu motivieren (oder zu manipulieren?). Kommt das nicht einer totalitären Überwachung wie der des Panoptikums nahe?

In Orwell’s Roman 1984 heißt es, dass “die Menschheit die Wahl zwischen Freiheit und Glück hatte und dass, für die Masse der Menschheit, Glück besser sei.” Ich glaube nicht, das wir uns als mündige Bürger entscheiden müssen, sondern mit dem richtigen Maß an Selbstverantwortung unser Glück in der Freiheit finden. Diese Freiheit, die durch Verfassungen und weltweit gelebte Werte, geschützt wird, sollten wir nicht so leichtsinnig aufgeben.

Datenerfassung und Abhörsysteme werden solange existieren, bis wir als mündige Bürger bei Wahlen und durch Eigeninitiative entschlossen dagagen vorgehen. Wir sollten uns darüber bewusst sein, dass wir Rechte und Mittel haben, um die Anwendung der Technik in Schach zu halten. Um das bewerkstelligen zu können, müssen wir die Technik und die dahinterliegende Maschinerie verstehen.

 

Die dunkle Seite der Anonymität

Ideologisch gesehen soll Anonymität im Netz die freie Meinungsäußerung verstärken und staatliche Eingriffe verhindern. Das sichtbare Internet, das wir tagtäglich über Google durchsuchen, enthält nur ca. 5% aller Webseiten. Im Deep Web befinden sich alle Seiten, die nicht indiziert sind, z.B. passwortgeschützte Bereiche von Netflix, Admin-Bereiche von WordPress oder Zugänge zu Universitäten. Ein kleiner Teil des Deep Web ist das Dark Web (oder Darknet), welches nur über den Tor Browser sichtbar ist.

Was ich im Darknet gesehen habe, ist ein merkwürdiger Mix aus Anarchie und Demokratie. Kreativität und Innovation sind keine Grenzen gesetzt. Menschliche Tugenden wie Neugierde, unausgesprochene Bedürfnisse, extreme Leidenschaften und extreme Ideen werden ohne Zensur und Überwachung ausgedrückt und ausgelebt. Die gleiche Anonymität, die im Darknet für Auftragsmörder, Kinderpornografie und erbarmungslose Trolle sorgt, gibt Whistleblowern und Menschenrechtsaktivisten den einzig sicheren Weg zur Kommunikation.

Nach Schätzungen gibt es heute ca. 40.000 Seiten im Darknet, von denen um die 15% illegale Produkte und Services auf deregulierten Marktplätzen verkaufen. Spannend ist, dass dort trotz Anonymität über ein Bewertungssystem ein Vertrauen zwischen Verkäufer und Käufer geschaffen wird, das höher zu sein scheint, als das auf gekauften Bewertungen basierende System bei Amazon. Ware wird in der Regel mit Bitcoin oder Ethereum gekauft und in einem dezentralen Escrow-Wallet solange geparkt bis die Lieferung beim Kunden (meist ein anonymes Postfach) angekommen ist.

Nehmen wir mal den Kauf von Kokain als Beispiel: auf der Straße variieren Preis und Qualität deutlich. Auch die Gefahr, dabei erwischt zu werden, ist höher als im Netz. Auf Handelsplätzen im Darknet werden Kaufkriterien wie Reinheit der Droge, Liefergeschwindigkeit und Kundenservice von Käufern bewertet. Die Preise orientieren sich an Angebot und Nachfrage, wodurch sie deutlich regulierter (und wohl günstiger) sind als auf der Straße. Ob das Darknet dafür sorgt, dass mehr Drogen konsumiert werden, bezweifle ich. In jedem Fall sorgt es dafür, dass Nutzer keine unbekannten Substanzen in ihren Körper stopfen und die Gewalt um Drogen durch die verkürzte Lieferkette auf der Straße abnimmt.

Auf dem berühmt berüchtigten Assassination Market (Auftragskiller) kann Geld auf das Todesdatum von Politikern, Schauspieler und andere öffentliche Personen gesetzt werden. Ob danach gehandelt wird, liegt “im eigenen Ermessen”. Das klingt im ersten Moment absolut furchtbar, ist letztendlich aber ein Weg, um das Verhalten von Menschen mit viel Macht zu bewerten (soweit ich weiß, wurde auf der Seite noch nie Geld ausgeschüttet).

Erschreckt haben mich die Vielzahl von Foren rund um Themen wie Bulimie, Magersucht oder Selbstmordgelüste, die nicht als Krankheiten, sondern als bewusste Wahl für einen Lifestyle behandelt wurden. Betroffene finden hier vorurteilsfreie und emphatische Ratschläge, die meiner Meinung nach zwar für Zugehörigkeit, nicht aber für mehr Wohlbefinden sorgen.

Es liegt wohl in der Natur des Menschen, dass neue Errungenschaften auch immer für kriminelle Zwecke eingesetzt werden. Das Darknet und andere Technologien sind im Grunde immer nur ein Spiegel der Gesellschaft; von uns selbst. Die Frage ist letztendlich, ob solche Tools mehr Menschen befähigen, als sie Schaden anrichten.

Darknet, Verschlüsselung, Atomenergie, Drohnen, Facebook … all das sind Tools. So wie in jeder Subkultur gibt es Menschen, die diese Tools missbrauchen und solche, die es für positive Zwecke einsetzen. Wie auch Spiderman schon lernen musste: “with great power comes great responsibility”.

Kleiner Ausschnitt aus dem Darknet

 

 

Ein Zwischenfazit und offene Fragen

Mein Bewusstsein für Privatsphäre hat sich durch das Experiment stark verändert. Ich werde zwar auch weiterhin Tools für meine Arbeit benutzen, die weniger sicher sind, mich aber aktiv nach vesrchlüsselten Alternativen umsehen. Das “Kriterium Datenschutz” wird in Zukunft eine größere Rolle für mich spielen.

Signal, Protonmail, Telegram – all das sind gute Optionen zu herkömmlichen Apps, bei denen ich Eigentümer meiner Daten bleibe und die Macht über Informationen weg von Google & Co hin zu kleineren Unternehmen bewegen kann (hier findest du Tipps und Links für mehr Datensicherheit).

Ich werde weiterhin versuchen, Freunde und Bekannte zur Nutzung von verschlüsselten Apps zur Kommunikation zu ermutigen. Und auch werde ich viel öfter das Handy zu Hause lassen, wenn ich unterwegs bin. Ich möchte wieder mit Fremden ins Gespräch kommen, anstatt meine Freundschaft mit Siri zu vertiefen. Auch möchte ich Fehler machen und mich frei bewegen können, ohne jederzeit mit Konsequenzen rechnen zu müssen.

Mit etwas Abstand zu diesem verrückten Monat werde ich sicher klarere Gedanken zu den angesprochenen Themen finden. Für den Moment bleibt ein gewachsenes Bewusstsein und viele offene Fragen, die ich sehr gerne mit dir diskutieren würde.

 

Sorgt Technologie dafür, dass wir als Menschheit mehr zusammenrücken oder uns voneinander entfernen? Gibt es echte Empathie im Netz oder geht es um oberflächliche Befriedigung neugeschaffener Bedürfnisse?

Entwickeln wir durch den Zugang zu Informationen ein breiteres Bewusstsein oder verstärken wir durch die Filter im Netz lediglich unsere eigenen Ansichten?

Tauschen wir zu viel Selbstbestimmung gegen Bequemlichkeit ein, wenn Online-Unternehmen zunehmend mehr Entscheidungen für uns treffen?

Wie sehr sagen wir zukünftig Computern, was sie tun sollen und wie sehr lassen wir uns von Computern sagen, was wir tun sollen?

Wie würde eine Welt aussehen, in der wir alles über jeden wissen? Und wie wäre die Welt, wenn wir alle anonym wären?

Können wir als Bürger Regierungen und Unternehmen genauso überwachen, wie wir selbst überwacht werden oder ist die Macht über Informationen zunehmend ungleich verteilt?

Trauen wir uns immer noch unkonventionelle Ansichten zu verkünden, wenn wir ständig überwacht werden und indirekte Konsequenzen zu erwarten haben?

Als Online Unternehmer profitiere ich selbst vom Tracking meiner Webseitenbesucher, um gezielte Werbe- und E-Mail-Kampagnen zur Verkaufsförderung zu fahren. Wie gehe ich damit zukünftig um?

 

Was denkst du? Ich würde mich über deine Meinung und eine Diskussion zum Thema freuen.

Danke für 11 Kommentare

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Johannes

Hallo Sebastian, der Artikel ist bei mir nicht sichtbar. Zwischen dem Facebook +Twitter Teilen-buttons und “Ähnliche Beiträge”, wo ich den Content vermute, ist nichts. Chrome auf Macbook Pro. Das war auch gerade schon bei einem anderen Artikel deines Blogs so. Komisch oder?

Jörg

Mich hat Deine Frage “Wie würde eine Welt aussehen, in der wir alles über jeden wissen? Und wie wäre die Welt, wenn wir alle anonym wären?” zu einigem Nachdenken veranlasst. Ich denke, wenn wir alles über jeden wüssten, wäre das Leben wie wir es heute kennen, praktisch nicht mehr möglich. Könnte die hübsche blonde mal kurzerhand nachschauen, was ich in meinem Leben schon alles gesagt oder getan habe, würde sie einen Punkt finden, der ihr nicht gefällt und mich abblitzen lassen. Ich umgekehrt aber genauso. Familienplanung bekommt damit mal eine ganz andere Bedeutung: es wird ausgesiebt, was geht und diesen Zustand hatten wir schon einmal zu einer Zeit, da es das Internet noch nicht gab. Beruflich sähe es ähnlich aus: Vielleicht habe ich ja mal zwei, drei Stellen dieser Welt besucht, die aus bestimmter Sicht betrachtet durchaus negativ rüberkommen können. Wenn ich etwa ein KZ besuche, wer will da wissen, ob ich mir das als Museum oder zur Inspiration anschaue? Vor zehn Jahren mal zu schnell gefahren und heute deswegen eine Absage für den Job als Busfahrer? Wär nicht so cool. Mich regt es kolossal auf, dass mir inzwischen jede zweite Webseite Desktopbenachrichtigungen schicken will, ich egal ob ich Cookies… Mehr lesen »

Andreas

Dieser Artikel zeigt eindrücklich, dass es nützlich ist, die verwendete Technik auch zu verstehen: http://www.spiegel.de/netzwelt/web/bitcoin-und-das-darknet-forscher-enttarnen-drogenkaeufer-a-1190942.html

Konny

Hallo Sebastian, ich danke Dir für dieses Selbstexperiment und das Öffnen meiner Augen. Deine Hinweise sprechen mich an, hab ich mir vorher noch nicht allzu viele Gedanken gemacht. Herzlichst, Konny

Hallo Sebastian,

danke für den vielen Mehrwert. Manche Ideen konnte ich für mich mitnehmen. Komplette Anonymität ist mir zu diesem Preis jedoch nicht erstrebenswert. Ich möchte aber ein paar Gedanken mit Dir teilen: Ich bin zuversichtlich, dass Technologien wie die Blockchain hier einiges umkehren werden. Bekanntlich kann diese Technologie ja alles mögliche dezentralisieren, wozu man bisher einen zentralen Dienstleister benötigte. Geld bei Bitcoin als Killer von Banken ist ja nur die bekannteste Anwendung. Mittlerweile gibt es schon Killer für Social Media, Kommunikation, Cloudservices und einer für Amazon steht auch schon in den Startlöchern.
Ich denke, es ist nur noch eine Frage der Zeit bis sich zwischen diesen Diensten Synergien entwickeln. Beispielsweise könnte ein dezentraler, verschlüsselter Blockchain-Cloudservice Daten für eine Webseite hosten, die auf einem dezentralen Computer wie Ethereum ausgeführt werden und über eine dezentrale Domain erreichbar sind (ETH Domains, Namecoin). Damit wird das Internet einen ganz neuen Layer bekommen, der das Versprechen von Pseudonymität und freier Meinungsäußerung einlösen könnte. Ich bin auf jeden Fall gespannt, was die Entwicklung bringt und wann es der erste Blockchain-Cloud-Service schafft, eine wirklich nutzerfreundliche App wie Dropbox für alle Endgeräte rauszubringen.

Liebe Grüße,
Dennis