Aufgewacht S1E3: Die Höhlenmenschen oder wie wir unsere eigene Wirklichkeit schaffen

In dieser Geschichte geht es um das Höhlengleichnis von Platon. Es geht darum, wie Menschen sich eine völlig absurd erscheinende Wirklichkeit geschaffen haben. An Aktualität hat das Gleichnis des griechischen Philosophen keineswegs verloren.

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In einer Höhle tief in der Erde lebten Menschen, die dort schon seit ihrer Kindheit gefangen gehalten wurden. An den Oberschenkeln und Nacken sind sie sitzend festgebunden, so dass sie ihre Köpfe nicht drehen können. Sie blicken geradeaus auf die Höhlenwand vor ihnen.

Der große Ausgang, der sich hinter ihnen befindet, ist für sie nicht sichtbar. Nicht einmal sich selbst und die anderen Gefangenen nehmen sie wahr. Ihre gesamte Realität besteht aus den Schatten, die sie auf der Wand vor sich sehen. Diese Schatten werden von einem kleinen Feuer, das hinter ihnen brennt, auf die Wand geworfen. Ohne es zu wissen, betrachten sie sich selbst.

Zwischen den Gefangenen und dem Feuer laufen andere Menschen hin und her. Sie tragen verschiedene Gegenstände aus Stein und Holz von links nach rechts und unterhalten sich dabei. Die Schatten der Gegenstände werden ebenfalls auf die Mauer geworfen. Die Gespräche wirken durch das Echo so, als wenn sie von den Schatten auf der Wand kommen.

Die Höhlenbewohner sind davon überzeugt, dass die Schatten sprechen. Sie deuten jede Bewegung und jedes Geräusch. Das, was sie vor sich sehen, ist ihre gesamte Wirklichkeit. Sie entwickeln eine Wissenschaft von den Schatten und stellen Gesetzmäßigkeiten fest. Wer richtige Voraussagen macht, bekommt den Zuspruch der anderen Gefangenen.

Eines Tages wird einer der Gefangenen losgebunden und aufgefordert, sich umzudrehen. Unter großen Schmerzen steht er auf, dreht seinen Kopf und schaut in das grelle Licht des Feuers. Er sieht den Ausgang und die Gegenstände, welche die Schatten werfen.

Der Gefangene ist so geblendet und verwirrt, dass er diese neue Realität nicht glauben kann. Alles, was er will, ist sich wieder umzudrehen, die gewohnte Position einzunehmen und die ihm vertraute Umgebung zu sehen.

Ein zweiter Gefangener wird befreit. Er ist mutiger und wagt sich zum Ausgang der Höhle. Zuerst ist er durch das Sonnenlicht so geblendet, dass er überhaupt nichts erkennen kann. Als sich aber seine Augen langsam an das Licht gewöhnen, macht er sich auf, um die neue Welt zu erkunden.

Er erkennt sein Spiegelbild im Wasser, sieht andere Menschen, bewundert den Nachthimmel und versteht, dass die Sonne Schatten wirft. Allmählich wird ihm bewusst, welche Illusion sein bisheriges Leben vor der Höhlenwand war.

Nachdem er einmal das Tageslicht gesehen hatte, verspürte er kein Bedürfnis danach, sich jemals wieder mit der Schattenwissenschaft zu beschäftigen. Aber er beklagte seine früheren Leidgenossen, so dass er beschloss, erneut in die Höhle herabzusteigen.

Dort angekommen, erzählte er den anderen von seinen Erkenntnissen, von den Schatten, der Sonne, dem grünen Gras, der frischen Luft. Als er versuchte, sie von ihren Fesseln zu befreien, jagten sie ihn mit den übelsten Beschimpfungen davon. Wären sie nicht angekettet gewesen, sie hätten ihn vermutlich getötet.

 

Das Höhlengleichnis

Über 2.400 Jahre ist es schon her, seit Platon diese Geschichte, die er von seinem Lehrer Sokrates erzählen lässt, in dem Buch Politeía aufgeschrieben haben soll. Platons Höhlengleichnis ist eines der bedeutendsten Werke aus der antiken Philosophie.

Es ist auch die Grundlage für Filme wie die Truman Show oder Matrix. Das Gleichnis beschreibt den beschwerlichen Aufstieg aus der sinnlich wahrnehmbaren Welt, in der wir Menschen uns an vergängliche Dinge klammern. Es beschreibt die Suche nach der Wahrheit, bei der das Bewusstsein aufwacht.

Platon nannte die Realität außerhalb der Höhle, die Welt der Ideen. Die Höhle mit ihren Schatten steht für unsere begrenzte Sinneswahrnehmung, für alles, was wir sehen, hören, schmecken, fühlen und riechen können.

Um es weniger abstrakt zu machen, stelle dir die Sonne vor. Manche Kulturen verbinden mit der Sonne den Tod, andere das Leben. In unserer Sprache ist die Sonne weiblich, in anderen männlich. Einige Menschen lieben es, in die Sonne zu gehen, andere bleiben lieber im Schatten.

Das, was wir wahrnehmen, ist einzig die Interpretation dieser Idee. Wir spüren und sehen die Sonne über unsere Sinne, bewerten diese und nehmen sie damit subjektiv wahr. Wenn ich an die Sonne denke, habe ich sicher andere Bilder im Kopf als du.

 

Das Abbild der Wirklichkeit

Nichts anderes ist es mit Geld, Gesetzen, Aktiengesellschaften, Grenzen – auch das sind fiktive Ideen, die für uns erst in unserem Kopf real werden. Was wir darunter verstehen und ob es diese Dinge für wahr halten, ist für jeden von uns unterschiedlich.

Das Schlimme daran ist, dass wir uns in unsere eigenen Interpretation der Ideen so sehr verlieben, dass wir bereit sind, dafür zu kämpfen. Wir belächeln Menschen, die an Dinge glauben, die nicht unserer Wirklichkeit entsprechen.

An Aktualität hat das Höhlengleichnis nichts eingebüßt. Die moderne Höhle unserer Zeit ist ein Sinnbild für die Kreise, in denen wir aufgewachsen sind und all das, was wir heute für unsere Realität halten. Familie, Religion, Vereine, Arbeitgeber, Freundeskreise und Newsfeeds, die genauestens auf unser Weltbild abgestimmt sind. Das sind unsere Fesseln, wenn wir uns zu sehr daran klammern.

Platon schrieb schon vor über 2.400 Jahren, dass die Gefangenen nicht unter ihren Ketten leiden, sondern sich an diesen sogar erfreuen.

 

Meine Höhle

In meiner Höhle waren lange Zeit zu viele materielle Besitztümer. Geld und Sicherheit hatten dort einen hohen Stellenwert. Was andere über mich denken, war mir oft wichtiger als das, was ich über mich selbst denke.

All diese Dinge habe ich dann versucht, zu rationalisieren. Wie die Höhlenmenschen, die es sich in ihrer Schattenwelt gemütlich gemacht haben. Mein Verstand fand immer eine gute Erklärung dafür, warum ich mich nicht einfach umdrehen und die Höhle verlassen kann. Die Intuition hat dabei zu wenig Mitspracherecht.

Ein viel zu großer Teil unseres Lebens wird bestimmt durch Nachrichten, Facebook und Konsumwahn. All diese Dinge, die uns erzählt werden, sind nicht real. Sie werden erst dann zur Wirklichkeit, wenn wir daran glauben. Genauso wie die Schatten für die Höhlenbewohner zur Realität geworden sind.

Ich habe mich dann aber doch irgendwann umgedreht. Ich habe aufgehört, mir von negativen Schlagzeilen Angst machen zu lassen, anderen Leuten gefallen zu wollen und mich um meinen Status in der Gesellschaft zu sorgen.

Aber natürlich hat meine Realität immer noch Grenzen, genauso wie die Höhle. Sie ist begrenzt durch meine Vorstellungskraft. Wenn mir jetzt jemand etwas erzählt, was für mich nicht vorstellbar ist, wie das Leben außerhalb der Höhle, kann ich das entweder ablehnen oder nutzen, um mein Weltbild anzupassen.

Meine große Bitte an dich, ist, dich in der kommenden Woche mal in deiner Höhle umzuschauen. Achte doch mal bewusst darauf, welche Schatten dich beschäftigen, obwohl sie nichts weiter als deine Interpretation sind. Wann verteidigst du etwas, das im Grunde nur deiner eigenen Wahrnehmung entspricht?

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