Aufgewacht S1E16: Der Geiger oder über ein Leben im Autopilot

Ein Straßenmusiker spielt Musikstücke, die zu den anspruchsvollsten der Welt gehören. Über Eintausend Leute laufen an ihm vorbei, ohne den Zauber der Musik zu bemerken. Sie schauen auf ihre Handys und hetzen sich ab auf dem Weg zur Arbeit.

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Freitagmorgen um 7:51 Uhr. Es ist der 12. Januar. Mitten in der Rushhour packt ein unauffällig aussehender Mann in einer U-Bahn-Station in Washington DC seine Violine aus, stellt sich neben einen Mülleimer und beginnt zu spielen. Der Geigenkasten steht aufgeklappt vor ihm. Der Musiker ist weiß, Anfang 30 und hat das Basecap tief ins Gesicht gezogen.

Sein Arbeitswerkzeug ist eine Geige, die 1713 von Antonio Stradivari handgefertigt wurde. Anfang des 20. Jahrhunderts gehörte sie dem Stargeiger Bronislaw Huberman, bis sie diesem gestohlen wurde. Der Dieb gestand die Tat fast 50 Jahre später auf dem Sterbebett. Schon aufgrund dieser Vorgeschichte liebt der Musiker die Stradivari, die er als seine beste Freundin bezeichnet.

Der Geiger begann mit einem Stück von Johann Sebastian Bach. Er wippte auf den Zehenspitzen vor und zurück. Voller Enthusiasmus streicht er über die Saiten, bis die komplette U-Bahn-Station mit seiner Musik erfüllt war.

In den ersten drei Minuten liefen 63 Passanten vorbei. Niemand beachtete ihn. Dann hielt endlich jemand an. Ein Mann, der für einen Sekundenbruchteil überlegte, schließlich aber doch weiterlief. Nach sechs Minuten stoppte der erste Zuhörer, lehnte sich gegen die Wand und lauschte der Musik.

In den kommenden 43 Minuten liefen genau 1.097 Leute an ihm vorbei. Die meisten von ihnen arbeiten für die amerikanische Regierung und waren auf dem Weg ins Büro. Sie sind die Straßenmusiker gewohnt, aber selten halten sie an und honorieren die Musik.

Die wenigsten nahmen sich die Zeit, um die Magie des Moments zu genießen. Nur Sieben der über 1.000 vorbeigehenden Leuten hörten dem Geiger länger als eine Minute zu. Einige Passanten schmissen aus Freundlichkeit ein paar Cent in den Geigenkasten. Andere überlegten kurz, schauten auf die Uhr, nur um dann doch zu ihrer Bahn zu rennen. Zeit fanden sie lediglich, um am Lotteriestand nebenan ihr Glück zu versuchen.

Die Einzigen, die den Geiger mit voller Faszination anschauten, waren kleine Kinder. Sie wollten der Musik lauschen, wehrten sich gegen die Hast ihrer Eltern, wurden dann aber doch immer schnell am Arm davongezogen.

Der Geiger, der an diesem Januarmorgen in der U-Bahn-Station musizierte, war Joshua Bell, einer der größten Musiker aller Zeiten. Er spielte einige der elegantesten Stücke, die je geschrieben wurden. Er spielte sie auf einer Geige, die einen Wert von über 3,5 Millionen Dollar hat. Drei Tage zuvor hatte Bell die Symphoniehalle in Boston mit über 2.600 Zuhörern gefüllt. Die Ticketpreise begannen bei 100 Dollar.

 

Das Experiment

Bei dieser wahren Begebenheit handelte sich um ein Experiment, das von der Washington Post im Jahr 2007 inszeniert wurde. Die Musik, die Joshua Bell spielte, war nicht gemeinhin bekannt, aber sie zählte zu den anspruchsvollsten Stücken, die je geschrieben wurden.

Jetzt kann man sich zwei Fragen stellen: Ist Joshua Bell wirklich so gut, wenn er nicht in großen Hallen spielt, in denen Zuhörer für die Tickets bezahlen? Oder, und das ist die wichtigere Frage: Waren all diese Menschen auf dem Weg zur Arbeit so abwesend mit ihren Gedanken, dass sie die Schönheit der Musik nicht wertschätzen konnten?

Als ich früher in der Berliner S-Bahn saß und zur Uni oder zur Arbeit gependelt bin, habe ich mich nicht selten durch Musiker belästigt gefühlt. Sie haben mich bei Telefonaten, beim Hören meiner Playlist über den MP3-Player oder meinen Gedanken gestört. Ob ihre Musik gut war, hätte ich gar nicht genau sagen können.

Beim Gang aus dem Bahnhof bin ich dann oft extra schnell gelaufen und habe so getan, als wenn ich nichts höre und sehe, nur um mich nicht schlecht zu fühlen, wenn ich den Straßenmusikern vor der Bahnhofshalle kein Geld gab.

 

Die Informationsfluten

Je nach Quelle der Studie prasseln jeden Tag um die 10.000 Informationen auf uns ein. Das sind Telefonanrufe, Werbebotschaften, Ampeln, Marktschreier, laute Musik, Gespräche, E-Mails und so vieles mehr. Es ist unmöglich, all diese Daten bewusst zu verarbeiten, weshalb wir die wichtigen von den unwichtigen trennen müssen.

Das Zauberwort dafür heißt Achtsamkeit. Keine Angst, ich will dich jetzt nicht mit Meditation oder Yoga in die Flucht schlagen. Das sind Werkzeuge, die für einige Menschen funktionieren, bei anderen eher Abneigung erzeugen.

Mit Achtsamkeit meine ich ganz einfach, ab und an den Autopilot auszuschalten. Beispielsweise, wenn wir an der Ampel warten, nicht automatisch das Smartphone aus der Tasche zu ziehen. Beim Essen nicht nebenbei fernzusehen. Oder nach dem Aufstehen nicht schon im Kopf die Planung für den Tag durchzugehen.

Achtsamkeit bedeutet vor allem, den Moment bewusst wahrzunehmen. Wenn uns so etwas Magisches begegnet, wie ein Geigenkonzert in der U-Bahn, dann sollten wir das wenigstens registrieren. Nur wenn wir es wahrnehmen, können wir bewusst entscheiden, ob wir stehenbleiben oder nicht.

Drei Stunden täglich schauen wir im Durchschnitt auf unser Handy. Meist unbewusst, aus Langeweile oder weil wir auf eine Benachrichtigung reagieren. Das Smartphone ist das beste Beispiel dafür, wie sehr wir uns fremdsteuern lassen, ohne es bewusst wahrzunehmen.

 

Zwischen Autopilot und Achtsamkeit

Smartphone, Internet und Facebook sind alles tolle Werkzeuge. Aber wir müssen aufpassen, dass wir uns nicht von diesen Werkzeugen kontrollieren lassen. Das ist der Unterschied zwischen Autopilot und Achtsamkeit, zwischen passiver Beschallung und aktivem Erleben.

Ich verliere mich auch ab und an im Facebook Newsfeed. Mein Ziel ist es nicht, mit meinen Gedanken ständig im Hier und Jetzt zu sein. Dann würde mein Gehirn bei all diesen Eindrücken wahrscheinlich überhitzen. Was ich aber nicht möchte, ist die Welt kontinuierlich im Autopilot zu erleben.

Mittlerweile bleibe ich oft stehen, wenn ich einen guten Straßenmusiker höre. Nicht immer gebe ich Geld, aber ich erfreue mich an diesem schönen Moment. Dabei versuche ich nicht daran zu denken, wo ich in zehn Minuten sein muss und wer mir gerade auf WhatsApp geschrieben hat. Ich genieße dann einfach den Augenblick.

Unser Leben ist so wahnsinnig schnell. Etwas Entschleunigung würde den meisten von uns gut tun. Ich wünsche dir, dass du heute mit deinen Gedanken weniger in Vergangenheit oder Zukunft verweilst, sondern die Welt um dich herum wahrnimmst.

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