Wie ein Friseur zum Digitalen Nomaden wurde (und wie auch du es schaffst)

Dieses fiktive Beispiel eines sehr klassischen Berufes (es hätte auch ein Handwerker oder ein Bäcker sein können) zwingt uns, zweimal um die Ecke zu denken. Die eigentliche Leistung – das Haareschneiden – funktioniert digital nicht. Also raus aus der Box, in der die potenziellen Möglichkeiten begrenzt sind.

Einige Berufe sind prädestiniert dafür, sie ortsunabhängig auszuüben. Designer, Programmierer, Journalisten, Buchhalter oder Datenschutzbeauftragte – sie alle müssen nicht an einem festen Ort sein, um ihre Leistung zu erbringen.

Dann gibt es Berufe wie Fotografen, Flugbereiter oder Berater, die ständig den Ort wechseln, die Leistungserbringung aber doch an einem festen Ort stattfindet. So könnte auch ein Friseur Hausbesuche machen oder sein Handwerk auf einem Kreuzfahrtschiff oder einer Hotelanlage in der Sonne anbieten.

Wie aber schaffen es Friseure, komplett ortsunabhängig zu arbeiten?

 

1. Dienstleisterin Diana

Ich gehe zu Diana, um mir die Haare schneiden zu lassen. Für dieses Ergebnis bezahle ich Geld. Das dahinterliegende Bedürfnis ist nicht unbedingt der Haarschnitt, sondern der Wunsch, für ein Date gut auszusehen, älter oder jünger zu wirken oder durch den Haarstyle meine Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe von Menschen auszudrücken.

Oft liegt hinter der offensichtlichen Leistung ein verstecktes Bedürfnis. Da Kunden genau für die Befriedigung dieses eigentlichen Bedürfnisses bezahlen, sollte ich dieses als Anbieter kennen.

Als Kunde könnte ich dieses Bedürfnis auf der Horizontalen auch durch andere Angebote erfüllen bzw. ergänzen – eine Stilberatung, neue Kleidung, permanentes Make-up oder ein Bleaching für meine Zähne. Das alles sind Ersatz- oder Zusatzprodukte und damit Wettbewerber für unsere Friseurin Diana.

Richtig spannend wird es auf der Vertikalen. Vor und nach jedem Kauf passiert etwas in der Wertschöpfungskette. Die Kerndienstleistung von Friseurin Diana ist der Haarschnitt. Bevor es soweit ist, muss ich den Friseursalon erstmal finden (Marketing), mich für eine Frisur entscheiden (Beratung/Inspiration) und einen Termin buchen (Administration).

Nachdem ich mich bei Diana bedanke, zufrieden in den Spiegel schaue und mich an meiner neuen Frisur erfreue, passieren ebenso noch einige Dinge. Ich muss die Rechnung bezahlen, bekomme Pflegeprodukte angeboten und schicke ein Selfie an meine Freundin.

Bei jeder Dienstleistung passiert irgendetwas vor und nach der eigentlichen Leistungserbringung. Eine Friseurin ist Profi, wenn es um Haare geht. In der Regel hat sie weder das Know-how noch die Lust, sich um das Marketing, Inneneinrichtung, Terminbuchungen, Wartung von Geräten, Rechnungen oder Pflegeprodukte zu kümmern.

Hier kommt Diana ins Spiel. Sie kennt sich in ihrer Branche aus, hat Wissen und Kontakte, die es ihr ermöglichen, genau diese „Probleme“ rund um die Kerndienstleistung zu lösen. 

Sie könnte in Zusammenarbeit mit einem WordPress-Profi Websites bauen, Marketingmaterialien designen (lassen), Friseursalons zu neuen Trends und Pflegeprodukten beraten oder eine Lösung entwickeln, um bei der Administration (Terminbuchung, Rechnungen, Buchhaltung) zu helfen.

Ich kann dir nicht genau sagen, welche Möglichkeiten es für deinen Beruf gibt, aber bitte nimm diesen Gedanken, dass immer etwas vor und nach der Kernleistung passiert, einfach mal mit und lasse ihn reifen.

 

2. Lehrer Lennard

Bei der Dienstleistung bezahle ich als Kunde für das Ergebnis, von einem Lehrer lasse ich mir erklären, wie ich selbst zum Ergebnis komme. Es erfüllt ein anderes Bedürfnis. Vielleicht möchte ich unabhängiger von Friseuren sein, Geld sparen oder das Handwerk lernen.

Besonders in traditionellen Berufen liegt soviel Wissen verborgen, dass leider aufgrund von Automatisierung und Preisdruck ausstirbt. Hochwertige Handarbeit von einem Friseur, Schreiner oder Buchbinder ist Kunst, die hoffentlich im Kampf gegen die Massenproduktion überleben wird.

Dieses Wissen, dass sich der Barber Lennard aufgrund jahrelanger Erfahrung angesammelt hat, kann er in digitalen Formaten konservieren. Ob das Text, Audio oder Video ist, liegt an seinen Vorlieben und daran, was seine Zielgruppe am liebsten konsumiert. 

Über einen Videokurs, Ratgeber, Podcast, Online-Seminare oder E-Mail-Kurse könnte er anderen Menschen beibringen, wie sie ihre Barthaare glätten, den Bart trimmen oder pflegen.

Je spezieller das Wissen von Lennard ist, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass jemand dafür Geld bezahlt. Der Vorteil bei dieser digitalen Wissensvermittlung: Lennard verdient mit der automatischen Auslieferung von Informationsprodukten auch Geld, wenn er gerade nicht am Laptop sitzt.

 

3. Händlerin Hanna

Egal ob Friseur, Kfz-Mechaniker oder Fliesenleger – jeder stationäre Dienstleister benötigt physische Produkte, um die Leistung zu erbringen. Im Friseursalon von Hanna sind dies Möbel, Scheren, Schneidemaschinen, Haartrockner, Shampoo, Spiegel und vieles mehr.

Wo Händler früher noch ein Lager brauchten, kann eCommerce heute komplett ortsunabhängig funktionieren. Wer Logistikdienstleister wie UPS, DHL oder Amazon beauftragt, hat mit der Ware selbst gar nichts mehr zu tun. 

Die Firmen übernehmen von der Lagerhaltung über den Versand bis hin zum Retourenmanagement das komplette Handling des physischen Produkts. Die Aufgabe von Hanna ist der Verkauf über einen eigenen Online-Shop oder Plattformen wie Amazon.

Sie kennt ihre Kunden – sowohl Friseursalons (B2B) als auch Endkunden (B2C) sehr gut, wodurch Hanna einen echten Wettbewerbsvorteil hat. Sie weiß, welche Pflegeprodukte Endkunden brauchen und welche Hardware Friseuren das Leben leichter macht.

Entweder sie kauft nun genau diese Produkte bei einem Großhändler ein und vertreibt sie mit einer Gewinnmarge weiter (Dropshipping), verbessert bestehende Produkte, die sie mit ihrer eigenen Marke versieht (Private Labeling) oder entwickelt komplett neue Produkte.

 

4. Netzwerker Nelson

Dienstleistungen, Wissensvermittlung und der Verkauf von Produkten, all das ist uns nicht unbekannt. Was aber die wenigsten von uns auf dem Schirm haben, ist der Wert unseres eigenen Netzwerks.

Immobilienmakler, Personalvermittler oder Versicherungsvertreter nutzen ihr Netzwerk, um zwei Parteien zusammenzubringen. Entsteht zwischen Anbieter und Nachfrager ein Geschäft, lassen sich die Vermittler fürstlich bezahlen.

Viele von uns, die lange Zeit in einer Branche unterwegs waren, haben ein wertvolles Netzwerk. Ohne zu überlegen bringen wir Menschen zusammen, die etwas suchen und bieten. Vor allem, wenn sich diese beiden Parteien unter normalen Umständen nicht treffen würden, kann das Vernetzen einen hohen Wert haben. Warum also nicht dafür entlohnen lassen?

Friseur Nelson hat Kontakt in zwei Richtungen – zum Endkunden und zu Großhändlern. Er könnte also Anbieter von Pflegeprodukten oder Friseurzubehör mit den Salons vernetzen. Als Vertriebler oder Berater bringt Nelson beide Parteien per Telefon oder E-Mail zusammen, für die Vermittlung lässt er sich pauschal oder auf Provisionsbasis bezahlen.

Dieser 1-zu-1-Kontakt funktioniert natürlich besonders gut, wenn du bereits ein bestehendes Netzwerk hast, das dir vertraut. Eine Alternative zur persönlichen Kontaktherstellung sind anonymere Verzeichnisseiten, gewissermaßen „Gelbe Seiten“ für eine Branche in einer Region.

Auf einer Website erstellt Nelson eine Liste mit alles Friseursalons (Branchenbezug) in seiner Heimatstadt (regionaler Bezug). Er bewertet die einzelnen Einträge nach verschiedenen Kriterien wie Preis, Öffnungszeiten und Zusatzleistungen. Später ermöglicht er über seine Seite sogar die direkte Terminbuchung und baut eine Übersichtskarte für die geografische Suche ein.

Nach einigen Monaten ist seine Verzeichnisseite umfangreich genug und die ersten Besucher klicken sich durch. Nelson beginnt damit, Friseursalons anzusprechen: „Schau dir mal meine Seite an. Alle deine Wettbewerber sind hier gelistet und jeden Monat informieren sich 1.000 Besucher darüber, wo sie sich die Haare schneiden lassen wollen. Willst du mir 50 Euro im Monat geben, damit ich deinen Eintrag hervorhebe?“

Gegen eine Monatspauschale lässt Nelson sich das Listing bezahlen. Eine andere Möglichkeit ist das Provisionsmodell: „Kannst du mir einen Rabatt von 20% einräumen? 10% gebe ich weiter an meine Webseitenbesucher, 10% behalte ich selbst als Vermittlungsprovision.“

Wie genau so ein Vermittlungsmodell für deinen konkreten Fall aussehen könnte, kann ich nicht sagen. Lasse auch hier einfach mal den Gedanken reifen, dass dein Netzwerk einen sehr großen Wert haben kann.

 

5. Influencerin Ines

Wir kennen sie alle und fragen uns manchmal, was Youtuber, Instagramer und Blogger eigentlich so treiben. Fakt ist, einige von ihnen haben sich durch ihre Inhalte das Vertrauen einer Zielgruppe erarbeitet, wofür sie sich von Unternehmen entlohnen lassen.

Unsere Friseurin Ines hat selbst Naturlocken und für sich gute Lösungen gefunden, um ihre Mähne zu pflegen und zu stylen. Die eigenen Erfahrungen gibt sie über einen Blog und in Videos weiter. Zunächst kostenlos, später dann in bebilderten Ratgebern und Kursen.

Ines kommt immer wieder mit neuen kreativen Styling-Tipps um die Ecke. Sie informiert, unterhält, inspiriert und ermutigt ihre Fans dazu, die eigene Persönlichkeit über die Frisur auszudrücken. Aufgrund ihrer lockeren Art sich zu präsentieren, hören ihr Menschen zu.

Genau dieses Vertrauen lässt sich Ines nun von Unternehmen bezahlen. Nachhaltige Pflegeprodukte, die sie selbst gerne nutzt, stellt sie in Videos vor, wofür sie je Post eine einmalige Entlohnung von einigen hundert Euro bekommt. 

Für ein Lifestyle-Magazin beginnt sie als Markenbotschafterin zu arbeiten. Einmal im Monat schreibt sie eine Kolumne für das Magazin, erwähnt es auf Instagram und in ihrem Newsletter, wofür sie monatlich einen niedrigen vierstelligen Betrag bekommt.

Influencer wie Ines sind Trendsetter, Meinungsmacher und Unterhalter. Sie besitzen das Vertrauen einer Zielgruppe, was für werbetreibende Unternehmen Gold wert ist. Gibt es ein Thema, für das du brennst und zu dem du etwas zu sagen hast?

 

Wenn du daran denkst, dich (digital) selbständig zu machen, dann denke nicht an Coaching, Onlinekurse oder Instagram. Das sind alles Formate, die eine Leistung transportieren, aber keine Geschäftsmodelle.

Ein Geschäftsmodell basiert immer darauf, dass du ein Bedürfnis (oder einen Mangel) erkennst und dieses lösen kannst. Diese Problemlösung kann eine Dienstleistung, die Befähigung durch Wissen, der Verkauf von Produkten, das Vernetzen oder Ermutigen von Menschen sein.

In der Praxis ist es immer ein Mix aus diesen Möglichkeiten. Zum Beispiel wird der Dienstleister zum Wissensvermittler und verkauft später auch eigene Produkte. Es ist eine Evolution, die mit dem ersten mutigen Schritt beginnt. 

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