Aufgewacht S1E6: Die Fischer oder warum nichts so ist, wie es scheint

In dieser Geschichte geht es darum, welche Konsequenzen kleine Handlungen haben können. Und weshalb wir vorsichtig damit sein sollten, uns voreilig Meinungen über eine komplexe Welt zu bilden, die wir nicht komplett verstehen.

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Ein lauter Knall, dann eine Erschütterung, die ihn durch das Wasser schleuderte. Als John wieder bei Sinnen war, beendete er sofort seinen Tauchgang und schwamm zum Schiff zurück.

„Was zum Teufel war das?“, fragte er, ohne dabei jemanden von der Crew direkt anzuschauen. Einer der Bootsjungen erklärte ihm, dass es sich um Dynamitfischer handele: „Hier auf den Philippinen ist das Fischen mit Dynamit zwar verboten, aber niemand hält sich daran.“

John hatte sich vom ersten Schreck erholt und sah rüber zu den klapprigen Fischerbooten. Ein paar kleinere Fische lagen tot auf dem Wasser. Der Fang in den Netzen war so spärlich, dass er wohl gerade so ausreichte, um ein paar Familien zu ernähren.

„Wie kann sich das rechnen? Das Dynamit muss doch mehr kosten, als die paar Fische einbringen“, sagte er zu dem Bootsjungen. Dieser begann mit einem Vortrag darüber, wie dumm seine Landsleute sind. Sie würden nicht verstehen, dass sie mit ihrem Dynamit schon über neunzig Prozent der hiesigen Korallenriffe zerstört haben.

John unterbrach den jungen Filipino und bat ihn, zu den Fischern rüberzufahren. Er wollte wissen, warum sie das Dynamit benutzen. Ob sie denn nicht wüssten, dass die Korallenriffe die Heimat für Millionen von Lebewesen waren, viele davon Futter für die Fische. Dass sie mit ihren Methoden ihre eigenen Fanggründe vernichten.

Sie zuckten mit den Schultern. Sie dachten, Dynamitfischen sei verboten, weil es gefährlich ist. Sie nutzten das Dynamit, weil die Fänge in den letzten Jahren nicht mehr gereicht hatten. Sie waren zu viele geworden und mussten neue Wege finden, um mehr zu fangen als früher.

John dachte wieder an die Mutter aller Probleme. Der menschliche Zins und Zinseszins ihrer Vorfahren. „Was die Umwelt zerstört, ist Armut“, sagte er leise vor sich her. Diese Menschen müssen jetzt essen. Sie sind nicht in der Luxus-Position, sich um aussterbende Tiere sorgen zu können.

Der Bootsjunge fragte die Fischer, woher sie ihr Dynamit bekommen. Irgendjemand musste schließlich davon profitieren. Der Fischverkäufer sei es, der ihnen nicht nur den Sprengstoff, sondern auch Benzin für die Motorboote verkaufte. Fünf Pesos kostete ein Liter Benzin, was die meisten Fischer nicht bar bezahlen konnte. Also lieh er es ihnen, wollte dafür aber acht Pesos wiederhaben. 60 Prozent Zinsen. Die Schulden der Fischer wurden größer und größer, aber was hatten sie schon für eine Wahl?

Am kommenden Morgen ließ sich John von seinem Chauffeur in die nahegelegene Stadt fahren, um dem Fischverkäufer einen Besuch abzustatten. Auf die Vorwürfe, mit dem Verkauf des Dynamits zur Zerstörung der Korallenriffe beizutragen und die Fischer mit den hohen Zinsen noch weiter in die Armut zu treiben, erwiderte er: „Was soll ich machen? Ich bin kein schlechter Mensch und erst recht nicht reich. Wenn ich ihnen das Dynamit nicht verkaufe, dann würden sie es woanders herbekommen. Und ich muss so hohe Zinsen nehmen, weil die meisten Fischer ihr Geld eh nie zurückzahlen.“

John fühlte sich plötzlich schuldig, den Fischverkäufer als geldgierigen Abzocker hingestellt zu haben, als dieser nachlegte: „Als meine Eismaschine kaputt ging, musste ich selbst einen Kredit aufnehmen. Die Raten der Bank betragen derzeit 27 Prozent. Im Vergleich zu meinen Zinsen also gar nicht so viel weniger.“

„Was, das kann doch nicht wahr sein“, sprudelte es aus John heraus. In seinem Kopf rechnete er nach, dass sich der geliehene Betrag bei solch einer Rate alle zweieinhalb Jahre verdoppelte. „Was hätte ich denn tun sollen?“, fragte der Fischverkäufer, „ohne Eis kann ich mein Geschäft gleich dicht machen.“

John nickte langsam. Er verstand, dass im Zentrum dieser unbarmherzigen Abhängigkeiten mal wieder die Finanzwirtschaft stand. Mit Wut im Bauch ordnete er seinem Fahrer an, sofort zur lokalen Bank zu fahren.

Auf dem Weg dorthin hatt er erwägt, einfach die ganze Bank zu kaufen, um diesem Schrecken ein Ende zu bereiten. Geld hatte er durch sein Erbe schließlich genug. In der Bank angekommen, verlangte er unverzüglich, den Direktor zu sprechen. Der kleine, ängstlich dreinblickende Mann bat John, ihm in sein Büro zu folgen.

„Was fällt ihnen ein, solche Wucherzinsen von dem Fischverkäufer zu verlangen“, fragte John mit verärgerter Stimme. „Beruhigen sie sich, bitte“, antwortete der verlegene Bankdirektor. „Wie ich hier im Computer sehe, wurde der Kredit in den letzten zehn Jahren mehrmals gestundet, was automatisch zu einer Erhöhung der Zinsrate führt.“

„Was bedeutet das?“, fragte John, der sich nicht beruhigen konnte. „Das bedeutet, dass der Fischverkäufer bisher keinen einzigen Peso von seinen Schulden abgezahlt hat. Er hat in den letzten zehn Jahren lediglich die fälligen Zinsen beglichen.“

Das machte John nur noch wütender. „Herr Bankdirektor, wie sollen denn Menschen wie der Fischverkäufer jemals aus ihrer Armut herauskommen, wenn sie ihnen solche Zinsen berechnen? Haben sie denn kein Mitgefühl für ihre Landsleute?“

Der Bankdirektor lehnte sich nach vorne. Mit einem ganz neuen Selbstbewusstsein erwiderte er: „Als Bank sind wir in erster Linie unseren Einlegern verpflichtet. Sie, Mister John, haben eines der größten Konten bei uns. Sie haben uns viele Millionen Pesos anvertraut und wollen sicherlich nicht, dass wir dieses Geld verlieren.“

 

Die Komplexität unserer Welt

Diese Geschichte stammt aus dem Buch „Eine Billion Dollar“ von Andreas Eschbach. Der Billionenerbe John reist um die Welt um herauszufinden, wie er die Prophezeiung seiner Vorfahren erfüllen kann: Die Menschheit zu retten.

Auf seiner Reise stellt er immer wieder fest, dass nichts so ist, wie es scheint. Dass die Weltwirtschaft so komplex ist, dass jede noch so kleine Handlung weitreichende Konsequenzen hat.

Passend dazu gibt es eine Studie der Technischen Hochschule Zürich, die in 2007 untersucht hat, welche Unternehmen die Welt regieren. Die 43.000 größten Unternehmen wurden mit einbezogen. Das Ergebnis war wenig überraschend: 147 dieser Konzerne, ungefähr 0,3%, kontrollieren 40% des Wohlstands. Vor allem Kapitalverwaltungsgesellschaften, also Banken, Versicherungen und Immobilienfirmen, sind durch gegenseitige Investitionen und Aktienanteile so eng miteinander verflochten, dass sie einen riesigen Einfluss ausüben.

Viele von uns haben die besten Absichten. Wir essen Soja, verzichten auf Plastik, demonstrieren gegen Kernkraft und bauen Brücken in Zentralafrika. Aber die wenigsten von uns wissen, was wir damit anrichten. Unsere Welt ist einfach zu komplex, um zu verstehen, welche Konsequenzen jede einzelne unserer Handlungen hat. Und im schlimmsten Fall werden wir zu Missionaren, die Andersdenkende verurteilen.

Ist der menschgemachte Klimawandel real? Oder wird das Thema aufgeblasen, um die Wirtschaft anzukurbeln? Ist Atomenergie wirklich so schlecht? Ist es sinnvoll, gegen politisch Andersdenkende auf die Straße zu gehen? Hilft es Entwicklungsländern, wenn ich auf das Fliegen verzichte? Darf ich in Aktienfonds investieren, ohne zu wissen, welche Rüstungs- und Pharmakonzerne ich damit finanziere? Oder überhaupt Guthaben einer Bank überlassen? Ist ein Eigenheim tatsächlich eine so gute Kapitalanlage, wie uns immer erzählt wird?

Ich habe keine Antworten auf diese Fragen. Und ich kann auch nicht jede einzelne meiner alltäglichen Entscheidungen hinterfragen, weil ich sonst in eine Schockstarre verfallen würde.

Aber was ich mich immer fragen kann, ist, wer Vorteile aus bestimmten Sachverhalten zieht. Wer hat etwas davon, dass sich die Benzinpreise erhöhen, neue Datenschutzgesetze erlassen werden oder sich der Bau des Berliner Flughafens mal wieder um zwei Jahre verzögert?

Niemand von uns sollte sich ununterbrochen mit diesen Fragen quälen oder sich den gesamten Weltschmerz auf die Schultern laden. Wir sollten aber ein größeres Bewusstsein im Alltag entwickeln. Das schaffen wir nicht durch militante Engstirnigkeit oder indem wir populären Meinungen blind folgen, sondern durch Offenheit und gesunden Menschenverstand. Indem wir unser Verhalten immer mal wieder hinterfragen. Nicht jeden Tag, aber immer dann, wenn wir die Energie dafür haben.

 

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