Aufgewacht S1E4: Das Feuer oder wie Worte zu Waffen werden

In dieser Geschichte geht es darum, wozu wir in der Lage sind, wenn uns nicht durch gut gemeinte Ratschläge die Grenzen des Möglichen aufgezeigt werden. Worte sind mächtig. Über ihre Kraft sind wir uns selten bewusst.

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Ihre Mutter war am Vormittag aus dem Haus gegangen. Seit ihr Vater gestorben war, musste sie deutlich mehr arbeiten als früher. An Arbeitstagen übergab sie die Kinder in die Obhut von Marina, einem achtzehnjährigen Mädchen, das manchmal gegen einen kleinen Obolus auf sie aufpasste.

Marina mochte ihren Schülerjob gern, aber die Nachmittage waren langweilig. Pancho und das Baby schliefen, für sie gab es nichts zu tun. Als ihr Freund anrief, um sie zu einer Spritztour in seinem Auto einzuladen, überlegte Marina nicht lange. Die Kinder lagen ja im Bett und würden nicht vor fünf Uhr aufwachen. Kaum hatte sie die Hupe gehört, schnappte sie sich ihre Handtasche.

Sicherheitshalber legte sie den Hörer neben das Telefon, schloss die Tür vom Kinderzimmer ab und steckte den Schlüssel von außen ein. Der kleine Pancho könnte hinfallen und sich weh tun, wenn er aufwachte und die Treppe hinunterlief, um nach ihr zu suchen. Er war schließlich erst sechs Jahre alt.

Vielleicht war es ein Kurzschluss im eingeschalteten Fernsehgerät oder in einer der Wohnzimmerlampen gewesen, vielleicht aber auch ein Funke aus dem Kaminfeuer. Als die Gardinen Feuer gefangen hatten, erreichten die Flammen bald darauf die Holztreppe, die hinauf zu den Schlafzimmern führte.

Der Rauch drang unter der Tür ins Kinderzimmer, und vom Husten des Babys wurde Pancho wach. Ohne lange zu überlegen, sprang er aus dem Bett und rüttelte an der Klinke, um die Tür zu öffnen, doch es gelang ihm nicht. Hätte er es geschafft, wären er und sein kleines, erst wenige Monate altes Brüderchen innerhalb kürzester Zeit Opfer der Flammen geworden.

Pancho schrie und rief nach Marina, aber sein Hilferuf blieb unbeantwortet. Also rannte er zum Telefon, das sich im Raum befand. Er wusste, wie man die Nummer seiner Mutter wählte, aber es gab kein Freizeichen.

Pancho war klar, dass er sein Brüderchen von hier wegschaffen musste. Er versuchte, das Fenster zu öffnen, aber mit seinen kleinen Händen schaffte er es nicht, den Sicherheitsriegel beiseitezuschieben. Und selbst wenn es ihm gelungen wäre, hätte er noch das Drahtgitter aufstoßen müssen, das seine Mutter zum Schutz angebracht hatte.

Als die Feuerwehrleute den Brand unter Kontrolle bekamen, gab es nur ein einziges Gesprächsthema: Wie hat es dieses Kind geschafft, das Fenster einzuschlagen und dann auch noch das Gitter aufzustoßen? Wie hatte der sechsjährige Junge es geschafft, das Baby in den Rucksack zu bekommen? Wie hatte er es geschafft, mit einem solchen Gewicht auf dem Rücken den Dachbalken entlang zu balancieren und über den Baum nach unten zu klettern? Wie hatte er es geschafft, sein eigenes Leben und das seines Brüderchens zu retten?

Der alte Feuerwehrhauptmann, ein kluger, angesehener Mann, gab ihnen die Antwort: „Der kleine Pancho war allein. Es gab niemanden, der ihm hätte sagen können, dass er das nicht schafft.“

 

Die Macht der Worte

Diese Geschichte stammt von Jorge Bucay, einem argentinischen Psychiater und Autoren. Ich möchte dir noch eine andere kurze Geschichte erzählen, die vorerst kein Happy End hatte.

Vor ein paar Wochen saß ich in der Berliner S-Bahn und habe ein Gespräch zwischen einer Mutter und ihrer Tochter mitgehört. Das Mädchen muss so 12 oder 13 Jahre alt gewesen sein.

Sie erzählte ihrer Mutter mit strahlenden Augen, dass sie Ärztin werden möchte. „Schatz, dafür sind deine Noten nicht gut genug“, antwortete ihre Mutter mit einem abschließenden Vortrag über die allgemeine Fachholschulreife.

„Dann werde ich vielleicht Hebamme“, sagte die Kleine schon mit etwas weniger Begeisterung. „Süße, Hebammen werden nicht mehr festangestellt. Und als freiberufliche Hebamme musst du dich selbst krankenversichern und eine Berufshaftpflicht abschließen.“

Ich bin weder Psychologe noch Vater, bin mir aber sicher, dass das Mädchen in Zukunft ihre Träume für sich behalten wird. An die Selbständigkeit wird sie wohl auch nicht so schnell wieder denken.

Solche Gespräche, wie ich es in der S-Bahn gehört habe, machen mich traurig. Sie sorgen dafür, dass viel zu viele erwachsene Menschen lieber Regeln folgen, anstatt ihrer Intuition zu vertrauen.

Was passiert, wenn Kindern keine Grenzen durch Erwachsene gesetzt werden, hat die Geschichte des kleinen Pancho eindrucksvoll gezeigt.

 

Wie Worte unbewusst nachwirken

Kannst du dich noch an deine Kindheit erinnern? Mir kommen immer mal wieder Bruchstücke ins Gedächtnis. Die Hand auf die heiße Herdplatte, beim Kippeln mit dem Stuhl umgekippt oder beim Klettern vom Baum gefallen. Das, was Kinder eben so machen, wenn sie voller Neugier die Welt entdecken.

Wenn mir meine Musiklehrerin mal wieder gesagt hat, dass ich nicht singen kann, oder mir der Computer bei der Berufsberatung ausspuckt, dass Buchhalter der perfekte Job für mich wäre, dann stirbt ein kleiner Teil in mir.

Wenn mir Erwachsene erzählt haben, dass Geld stinkt, dass es ohne Fleiß keinen Preis gibt und dies und jenes nicht geht, dann bleibt das hängen. Daraus werden Glaubenssätze, die im schlimmsten Fall dafür sorgen, dass ich mir im Erwachsenenalter nicht erlaube, erfolgreich oder glücklich zu sein.

Kleine Kinder kennen keine Grenzen. Alles ist möglich. Dann haben uns Erwachsene erzählt, wie gefährlich, unrealistisch oder naiv unsere Handlungen sind. Wenn wir das einmal zu oft gehört haben, hören wir auf damit, neugierig zu sein. Die Grenzen wurden immer enger.

Heute wissen wir um all die Gefahren und Möglichkeiten. Wir haben alles gesehen und aufgehört, zu hinterfragen. Dann fangen wir an damit, unsere eigene beschränkte Welt anderen Menschen, vor allem Kindern, überzustülpen.

Einem anderen Menschen zu sagen, dass er nicht singen kann, dass er faul ist oder sich von seinen naiven Träumen trennen sollte, hinterlässt Narben. Für den, der sie ausspricht, mögen die Worte keine große Bedeutung haben. Für den Empfänger sind es Waffen.

Deshalb habe ich heute zwei Bitten an dich. Erstens, bitte gehe sorgfältig mit deinen Worten um. Sage anderen Menschen, und vor allem Kindern nicht, was sie können und nicht können. Das finden sie von ganz alleine heraus.

Zweitens, erinnere dich mal an deine Kindheit. Welche Sprichwörter und Phrasen hast du immer wieder gehört? So oft, dass sie ein Teil von dir geworden sind? So oft, dass du sie heute weitergibst, ohne sie wirklich zu glauben. Ich habe lange gebraucht, um meinen negativen Glaubenssätzen auf die Spur zu kommen. Noch länger hat es gedauert, sie zu entkräften, indem ich positive Gegenbeispiele gesucht habe. Aber es war die Mühe wert, denn ohne diese fiesen Stimmen in meinem Kopf lebt es sich deutlich leichter.

 

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