Aufgewacht S1E17: Das Entlein oder über ein Leben mit sozialer Maske

Sicher kennst du die Geschichte von dem hässlichen Entlein, das zum Schwan wird. Darin geht es nicht darum, dass du alles werden kannst, was du willst. Es geht vielmehr darum, herauszufinden wer du bist, anstatt dich mit Menschen zu vergleichen, die einer anderen „Spezies“ angehören.

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Mitten im Sonnenschein lag ein altes Landgut, welches von tiefen Kanälen umgeben war. Hier saß eine Ente auf ihrem Nest und brütete ihre Jungen aus. Es wurde ihr fast langweilig, ehe die Jungen kamen.

Endlich platzte ein Ei nach dem andern. Nur das größte von allen ließ auf sich warten. So setzte sich die Entenmutter wieder darauf und nach einigen Tagen schlüpfte auch das letzte Küken.

Heraus kroch ein Junges, das sehr groß und sehr hässlich war. Die anderen Enten schauten ungläubig auf das hässliche Entenbaby. „Pfui, so wie das Entlein aussieht, wollen wir es nicht dulden“, sagte eine Ente, flog hin und biss es in den Nacken.

Die Entenmutter verteidigte ihr Kind: „Es ist nicht hübsch, aber es hat ein innerlich gutes Gemüt“. Aber das arme Entlein, welches zuletzt aus dem Ei gekrochen war, wurde weiter gebissen und gestoßen.

Da lief es fort und flog über den Zaun. Die kleinen Vögel in den Büschen flogen erschrocken auf. „Das geschieht, weil ich so hässlich bin“, dachte das Entlein, lief aber weiter, bis es zu einem großen Moor kam, wo die wilden Enten wohnten. Hier lag es die ganze Nacht, so müde und kummervoll.

Zwei Tage später ertönte ein lauter Knall, zwei wilde Gänse fielen tot in das Schilf nieder, und das Wasser wurde blutrot. Ganze Scharen wilder Gänse flogen aus dem Schilfe auf. Und dann knallte es abermals. Es war eine große Jagd.

Das war ein Schrecken für das arme Entlein. Es wendete den Kopf, um ihn unter den Flügel zu stecken, aber in demselben Augenblicke stand ein fürchterlich großer Hund dicht bei ihm. Er streckte seinen Rachen dem Entlein gerade entgegen, zeigte ihm die scharfen Zähne, ging aber wieder, ohne es zu packen. „Gott sei Dank“, seufzte das Entlein, „Ich bin so hässlich, dass mich selbst der Hund nicht beißen mag!“

Erst spät am Tage wurde es still und das Entlein lief über Feld und Wiese, wurde aber von allen Tieren wegen seiner Hässlichkeit übersehen. Nun wurde es Herbst. Die Blätter im Walde wurden gelb und braun.

Eines Abends kam ein ganzer Schwarm herrlicher großer Vögel aus dem Busch. Das Entlein hatte noch nie so schöne Tiere gesehen. Sie waren blendend weiß mit langen geschmeidigen Hälsen. Es waren Schwäne.

Sie stießen einen ganz eigentümlichen Ton aus, breiteten ihre prächtigen langen Flügel aus und flogen von der kalten Gegend fort nach wärmeren Ländern. Sie stiegen so hoch und dem hässlichen jungen Entlein wurde so sonderbar zumute. Es wusste nicht, wie die Vögel hießen, auch nicht, wohin sie flögen, aber doch ging es ihm gut, wie nie zuvor.

Dann kam der Winter und es wurde sehr kalt. Das Entlein musste im Wasser umher schwimmen, um das völlige Zufrieren desselben zu verhindern. In jeder Nacht wurde das Loch, in dem es schwamm, kleiner und kleiner.

Da schleppte sich das hässliche Entlein, ganz ermattet von Not und Elend, welche es in dem harten Winter erdulden musste, im Moor zwischen dem Schilfe, als die Sonne wieder warm zu scheinen begann. Die Lerchen sangen. Es war herrlicher Frühling.

Auf einmal konnte das Entlein seine Flügel schwingen. Sie brausten stärker als früher und trugen es kräftig davon. Aus dem Dickicht kamen drei prächtige weiße Schwäne, die sich elegant ins Wasser begaben. Das Entlein kannte diese wundervollen Tiere und wurde von einer eigentümlichen Traurigkeit befangen.

Da flog das Entlein hinaus in das Wasser und schwamm den prächtigen Schwänen entgegen. Diese sahen es und schossen mit brausenden Federn auf dasselbe los. „Tötet mich nur“, sagte das arme Tier, neigte seinen Kopf der Wasserfläche zu und erwartete den Tod. Aber was erblickte es in dem klaren Wasser? Es sah sein Bild unter sich, das kein hässliches Entlein mehr, sondern selbst ein Schwan war.

 

Die Selbstakzeptanz

Der dänische Schriftsteller Hans Christian Andersen hat dieses Märchen im 19. Jahrhundert aufgeschrieben. Andersen selbst soll zu seinen Lebzeiten ein Außenseiter gewesen sein, weshalb er diese Geschichte über Selbstakzeptanz geschrieben hat.

Sicher hast du schon von dem hässlichen Entlein, das zum Schwan wird, gehört. Ich möchte dir gerne meine ganz eigene Interpretation dafür geben. Vielleicht denkst du ja in Zukunft etwas anders über die Geschichte.

Meiner Meinung nach geht es darin nicht darum, dass du alles werden kannst, was du willst. Wenn dir das jemand erzählt, dann will er dir sehr wahrscheinlich dein Geld aus der Tasche ziehen.

Es geht darum, dass wir alle mit sehr unterschiedlichen Ausprägungen, Talenten und Stärken auf die Welt gekommen sind. Und geht es im Leben nicht darum, herauszufinden, wer wir sind und wie wir unsere Persönlichkeit bestmöglich ausleben?

 

Die Maske

Das Entlein war hässlich, weil es kein Entlein war. Es hat lange gedauert, bis es seine echte Identität entdeckt hat. Genauso ging es mir, denn ich habe selbst lange ein Leben verfolgt, das nicht mein eigens war. Es waren Lebensentwürfe anderer Menschen, die ich für meinen eigenen gehalten habe. Das hat dazu geführt, dass ich eine soziale Maske aufhatte, die mir dieses unwohle Gefühl im Magen beschert hat.

Zu Schulzeiten habe ich mich gezwungen, mich für Musik und Mode zu interessieren, um auf dem Pausenhof mitreden zu können. Im Studium habe ich Wirtschaftsmagazine gelesen, um in den Vorlesungen Lob für mein Halbwissen zu bekommen. Im Büro bin ich als Letzter gegangen, um einen Chef zu beeindrucken, den ich nicht leiden konnte.

Erst nachdem ich mir eingestehen musste, dass ich mich nicht mein Leben lang verstellen kann, konnte ich diese Maske abnehmen. Ich habe mich mit mir selbst beschäftigt, über Muster in meinem Leben nachgedacht und neue Sachen ausprobiert.

Dann bin ich ganz weit weggegangen, wie das hässliche Entlein. In China kannte mich niemand. Dort musste ich mich nicht verstellen. Je besser ich mich selbst kennenlerne habe, desto leichter wird alles in meinem Leben. Denn dann weiß ich, welchen Weg ich zu gehen habe.

 

Der Leitstern

Bitte stelle dir Folgendes vor: Du schaust hoch oben an den Himmel. Du siehst tausende Sterne, aber einer von ihnen leuchtet besonders hell. Das ist dein Leitstern, der dir die Richtung vorgibt, wenn du mal vom Weg abkommst. Er leuchtet selbst bei Nebel und Unwetter. Dieser Stern ist der Sinn, dem du deinen Leben gibst. Manche nennen es auch Vision oder dein Warum.

Jetzt stell dir vor, du bist mit diesem Stern durch ein Gummiband verbunden. Was passiert, wenn du dich von ihm wegbewegst? Dann wird es mit jedem Schritt anstrengender. Du kannst noch so sehr kämpfen, aber irgendwann musst du erschöpft aufgeben.

Was passiert aber, wenn du dich auf den Stern zubewegst? Je näher du diesem Stern kommst, desto leichter werden deine Schritte. Du wirst gezogen, ohne dich übermäßig anstrengen zu müssen. Je klarer du deinen Leitstern vor Augen hast, desto weniger Ängste und Zweifel wirst du haben.

Wenn ein Schwan sein Leben mit Enten verbringt, wird er es immer schwer haben. Genauso schwer hat es jemand, der kreativ veranlagt ist und als Buchhalter arbeitet.

„Wolle, was du musst“, haben schon die alten Philosophen gesagt. Es macht keinen Sinn, etwas zu wollen, das dir nicht entspricht. Es lohnt sich, herauszufinden, wer du ohne deine Maske bist und dann deinen eigenen Weg zu gehen.

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