Doppelmoral und Fundamentalismus. Eine Selbstanzeige.

Unvoreingenommen, weltoffen, unabhängig und selbstbestimmt – so möchte ich mich gern bezeichnen. Und das tun auch die Menschen, mit denen ich in den letzten Jahren die meiste Zeit verbringe. Allzu oft aber stimmen die moralischen Standards, die wir einfordern, nicht mit denen überein, nach denen wir selbst leben.

Der Begriff Digitale Nomaden gibt uns eine Identifikation; ein Gefühl der Zugehörigkeit. Damit einher gehen Wertevorstellungen und Ansichten, die polarisieren, soziale Normen missachten und sich weit weg von der Mitte der allgemeinen Geisteshaltung bewegen.

Ein minimalistischer und nachhaltiger Lebensstil, sinnerfüllte Geschäftsmodelle, das respektvolle Miteinander und der Abbau von Ungleichheiten auf der Erde liegen uns am Herzen. Dieser Eindruck wird zumindest auf Blogs, sozialen Netzwerken und Veranstaltungen vermittelt.

Gleichzeitig ertappe ich mich selbst und die Menschen in meinem Dunstkreis immer wieder dabei, diese Dinge mit zweierlei Standards zu messen. Wenn ich auf Konferenzen und Meetups gehe oder Kommentare in Facebook Gruppen verfolge, dann schlägt mir nicht selten diese Doppelmoral entgegen.  Von Leuten, die sich selbst als wahnsinnig weltoffen sehen, gleichzeitig aber über alles schimpfen, das nicht in ihr Weltbild passt.

Dieser Beitrag soll weder eine Wutrede, noch eine globale Anschuldigung sein. Es ist der Ausdruck von Gedanken, die mich schon lange beschäftigen. Der Mix aus Selbstreflexion und Beobachtungen schlägt sich in zugespitzten Argumenten nieder, die aufrütteln und darüber nachdenklich stimmen sollen, ob unsere guten Absichten tatsächlich unserem täglichen Handeln entsprechen.

Ich schreibe diese Worte nicht, weil mir plötzlich der ortsunabhängige Lifestyle widerstrebt. Ganz im Gegenteil, ich möchte, dass wir als Community die Werte beibehalten, die diese Bewegung ausmachen. Ich möchte auch nächstes Jahr noch sagen können, dass ich stolz darauf bin, einer Gruppe mit tollen freiheitsliebenden, unkonventionell denkenden Menschen anzugehören.

Bitte tue mir einen großen Gefallen und lies diesen Beitrag nicht aus einer Abwehrhaltung heraus. Nimm die Zeilen nicht persönlich, sondern bewerte sie für dich selbst und die Menschen in deinem Umfeld aus einer Vogelperspektive heraus.

 

Doppelmoral

Die Basis für soziale Bewegungen sind moralische Standards, nach denen sich alle Zugehörigen richten. So auch bei uns digitalen Nomaden. Wir folgen ungeschriebenen Gesetzen, weil sie unserem Wertesystem entsprechen und wir sie für richtig halten.

Einige wollen so sehr dieser Gruppe angehören, dass sie vorgeben, auch Teilen dieses Normensystems zu folgen, die nicht ihrem eigentlichen Handeln entspricht. Wir vertreten nach außen hin Normen, die wir im Privaten selbst nicht befolgen – das ist scheinheilig.

Genauso bewerten wir Handlungen von Personen, die nicht der eigenen Gruppe angehören, ohne Vorliegen von einem rationalen Grund, anders, als wir dies für Gruppenmitglieder tun. Wir fordern von anderen ein Verhalten ein, das wir selbst nicht zeigen – das ist heuchlerisch.

“Mit zweierlei Maß” zu messen, ist genau das, was für uns als unvoreingenommene Menschen eine der großen Todsünden ist. Und doch machen wir es immer wieder.

Wir sorgen uns ach so sehr um das ökologische Gleichgewicht, sammeln aber gleichzeitig Flugmeilen am laufenden Band. Um unser Gewissen zu beruhigen, machen wir alle paar Monate ein Beach Cleanup und spenden 50 Euro für das lokale Tierheim.

Wir betonen immer wieder, wie wichtig uns faire Löhne und Arbeitsbedingungen sind, basieren unsere Geschäftsmodelle aber auf Geo-Arbitrage und dem Handel mit Ländern, die nicht für ihren vorbildlichen Umgang mit Angestellten bekannt sind.

Wir sind große Verfechter von Outsourcing, Automatisierung und Skalierung. Ausgelagert und automatisiert werden selbst Dinge, die uns eigentlich Freude bereitet. Hauptsache Wachstum um jeden Preis, auch wenn dabei die Qualität leidet.

Wir sind der Überzeugung, dass Steuern und Sozialabgaben Raub sind und diese mit allen Mitteln vermieden werden müssen. Angemessene Dankbarkeit für all die Möglichkeiten, die uns der deutsche Reisepass ermöglicht, ist da fehl am Platz. Wenn wir dann doch mal chronisch krank werden oder Heimweh bekommen, können wir unsere Meinung ja wieder ändern.

Wir schimpfen über die verklausulierte Sprache von Behörden, Banken und Versicherungen, die kein Mensch versteht. Dabei merken wir nicht, dass wir mit Begriffen wie Uniques, Conversion Rates und Coffeeshop Hustling ununterbrochen Buzzword Bingo spielen. Das Außenstehende uns nicht verstehen, ist schließlich qauf ihr fehlendes Interesse zurückzuführen.

Wir sind so stolz darauf, endlich das Hamsterrad der Festanstellung verlassen zu haben, dass wir nicht merken, wie wir uns einen neuen goldenen Käfig gebastelt haben. Aber hey, lieber 24 for 7 im Arbeitsmodus, als von 9 to 5 von einem Arbeitgeber abhängig zu sein. Wer braucht schon eine Work-Life-Balance, wenn er seine Arbeit liebt.

Wir schätzen unsere Unabhängigkeit über alles, drehen uns einmal im Kreis und begeben uns in die Obhut von Amazon, Facebook, Google & Co. Die Abhängigkeit vom Arbeitgeber wird gegen die Abhängigkeit von Kunden und Smartphone eingetauscht. Ein Ende des sich drehenden Hamsterrades ist nicht in Sicht.

Wir belächeln unsere Bekannten, die sich an materiellem Besitz erfreuen. Wenn wir dann selbst ständig die neuesten Gadgets kaufen, dann ist das natürlich etwas anderes. Und wehe jemand besitzt tatsächlich noch einen Fernseher, wo man doch heutzutage stundenlang Netflix und YouTube on Demand schauen kann.

Wir betonen immer wieder, wie wichtig uns tiefgründige Beziehungen sind und finden kaum Zeit, einmal im Jahr unsere Familie zu besuchen. Wir brüsten uns mit vielen multikulturellen Freundschaften auf der ganzen Welt, von denen die meisten aber nicht über Facebook Likes hinausgehen. Und Partnerschaften sind mit diesen Bindungsängsten sowie kaum möglich.

Wir verstehen uns als Durchschnitt der 5 Leute, mit denen wir die meiste Zeit verbringen. Vorbilder sollen es sein, die schon dort sind, wo wir hin wollen. Damit vergraben wir uns immer tiefer in unserer Blase und verlieren den Blick für die restlichen 99,9% der Menschheit, die anderen Lebensmodellen folgen.

Wir lieben das harmonische, respektvolle Miteinander, bis wir uns dann in der nächsten Facebook Gruppe aufs Übelste beschimpfen oder uns zumindest nach guter RTL2-Manier davon unterhalten lassen. Und wehe, jemand kommt mit seinem Geschäftsmodell unserer Zielgruppe zu nahe, dann werden die Ellenbogen ausgefahren und vorbei ist es mit Harmonie und Hilfsbereitschaft.

Wir wissen, dass sich das Leben nicht in Vergangenheit oder Zukunft abspielt, weshalb wir immer im Jetzt sein wollen. Aber anstatt uns wirklich am Moment zu erfreuen, ist es wichtiger, unseren Followern über YouTube und Instagram zu zeigen, wie sehr wir uns am Moment erfreuen.

Wir haben große Ziele, denn nur wer groß denkt, der wird auch was. Shoot for the moon, denn selbst wenn du verfehlst, triffst du noch ein paar Sterne. Diesen schlauen Ratschlag verteilen wir so großzügig, wie Versicherungsvertreter ihre Visitenkarten. Das zwischen den weit voneinander entfernten Sternen ziemlich viel Nichts ist, darüber machen wir uns weniger Gedanken.

Wir geben nicht auf, denn Winners never Quit. Es gibt keinen Weg zurück, denn das wäre ein Eingeständnis an uns selbst. Wenn doch mal jemand in sein altes, spießiges Leben zurückkehrt, dann wird er belächelt oder man hört nie wieder was von ihm. Es gilt schließlich, das Image des mega geilen Lifestyles für Jedermann zu bewahren.

Wir glauben fest daran, dass es Jeder schaffen kann. Wer sollte schließlich nicht so leben wollen wie wir – unabhängig, frei und ständig unterwegs. Menschen, die das nicht für erstrebenswert halten, bekommen nur ein Kopfschütteln und eine Dose Mitleid. Wir fordern Offenheit, haben aber selbst ein Brett vor dem Kopf.

 

Fundamentalismus

Ja, die Welt braucht radikale Ideen, um festgefahrene Denkweisen aufzubrechen. Aber allzu extreme Haltungen haben in der Geschichte der Menschheit noch niemandem genützt. Egal ob in Politik, Religion oder Wirtschaft, gefährden Extremisten das Gemeinwohl, um ihre eigene Sache zu verteidigen.

Die wenigsten von uns würden behaupten, dass wir Neo-Nazis, Jihadisten oder Scientologen brauchen. Andere extreme Gruppierungen wie Aktivisten von Sea Shepherd, studentische Burschenschaften, Frutarier oder anarchistische Kommunen unterstützen oder tolerieren wir. In letzte Kategorie fällt für mich auch die Bewegung der digitalen Nomaden.

Was unterscheidet fundamentalistische Bewegungen, die wir nicht tolerieren, von denen, die wir akzeptabel finden?

Wir sympathisieren mit den Gruppen, die für unsere eigenen Werte eintreten. Abstand nehmen die meisten von uns zu Fundamentalisten, die so überzeugt von ihrer Weltanschauung sind, dass sie diese als absolute Wahrheit sehen und mit Gewalt umsetzen.

Gefährlich wird es immer dann, wenn alternative Ansichten nicht toleriert, sondern verspottet und bekämpft werden. Diese polarisierende Auslegung der eigenen Sache schweißt zusammen und kreiert das sowohl wichtige als auch gefährliche Wir-Gefühl von Randgruppen, die gegen die bestehende Gesellschaftsordnung kämpfen.

Und das sind wir – digitale Nomaden oder ortsunabhängige Unternehmer – die wir uns und unsere Offenheit feiern bis zum Abwinken und im gleichen Moment gegen alles schießen, was uns zu konventionell ist. Wenn du “Die Welle” gesehen oder “The Circle” gelesen hast, dann kennst du diese Fiktionen, die ich für alles andere als unrealistisch halte und gewisse Parallelen zum digitalen Nomadentum sehe.

Wir selbst und nach Leserzahlen gierende Medien zeichnen ein extremes Bild von unserem Lifestyle, das oft auf den Enden der Skala zwischen Weltverbesserern und Spinnern liegt. Und dann heißt es, Stellung zu beziehen.

Wer dazu gehören möchte, bekommt schnell den Eindruck, dass er der vegane, sporttreibende, mit Handgepäck reisende Yogi sein muss, der als bootstrappender Lifestyle Entrepreneur ohne jegliche Grenze zwischen Arbeit und Leben in Coworking Spaces hustlet.

Warum müssen es immer diese Extreme sein? Müssen wir zwanghaft eine Randgruppe sein, die sich mit allen Mitteln von der Mehrheit abgrenzt? Warum können wir es nicht mit etwas mehr Moderation und weniger Klischee probieren?

Es sind diese radikalen Tipps und Hacks, die als universell einsetzbar gepriesen werden. Jeder scheint zu wissen, was für meine Ernährung, meine Produktivität, mein Mindset oder mein allgemeines Wohlbefinden am besten ist.

Was ist mit dem Menschen, der dazwischen steht? Was gut ist für mich, mag dir schaden. Was dich antreibt, mag mich ausbremsen.

Müssen wir denn alle zu Ernährungsexperten werden, um kein schlechtes Gewissen beim Essen mehr zu haben? Muss ich komplett auf Fast Food verzichten, um mich nicht mehr schuldig zu fühlen? Ist es nicht gut genug, uns bewusst zu ernähren?

Braucht wirklich jeder von uns diese 7-teilige Morgenroutine, um gut in den Tag zu starten? Und müssen wir uns jeden Abend in Dankbarkeit üben und in unser Journal schreiben? Reicht es nicht aus, nach und nach kleine Veränderungen anzustoßen, die uns ein gutes Gefühl geben, anstatt ungesunden Druck auszuüben?

Müssen wir Persönlichkeitsentwicklung so groß schreiben, dass wir jedes Anzeichen von limitierenden Glaubenssätzen und niedrigem Energielevel sofort mit Kursen, Büchern, Seminaren und Coachings bekämpfen? Ist es nicht okay, sich auch mal ein paar Tage lang schlecht zu fühlen und im Bett zu bleiben, ohne gleich unser komplettes Leben zu hinterfragen?

Ist es denn wirklich erstrebenswert, unsere Produktivität immer weiter zu erhöhen? Selbstoptimierung bis zu dem Punkt, an dem wir uns miserabel fühlen, einfach mal nichts zu tun? Uns schlecht fühlen, wenn wir heute nicht 10+ Stunden gearbeitet haben? Ist es nicht viel wichtiger über unser Warum und das Was nachzudenken, anstatt über das Wie?

Reicht es nicht, wenn wir zu den Themen Stellung beziehen, die uns wirklich wichtig sind, anstatt zu allem eine Meinung zu haben? Müssen wir wirklich alle eigenhändig die Welt verbessern und auf Facebook zu jeder Diskussion unsere 5 Cent dazugeben? Sollten wir nicht erstmal bei uns aufräumen, bevor wir andere Menschen belehren?

Dürfen wir nicht auch einige Anker behalten, die uns Sicherheit geben? Müssen denn immer gleich alle Brücken hinter uns abgerissen werden, wenn wir einen neuen Weg einschlagen? Zeugt das nicht von einer gewissen Arroganz? Wer kann schon wissen, wie sein Leben in 10 Jahren aussehen wird?

Nein, es muss nicht immer noch krasser, geiler und more exciting sein. Es kann auch einfach mal nur gut sein. Oder auch mal nicht so gut. Mehr Moderation, bitte. Und weniger geistige Brandstiftung.

 

Kritisches Hinterfragen

“Wie du endlich glücklich wirst”. “Meine 1.963 Tipps für ein besseres Leben”. “Mache A, um Z zu erreichen”. Ach ja, und wenn du eine Abkürzung zum Goldtopf am Ende des Regenbogens suchst, dann hab ich hier noch einen Kurs für dich und ein paar kleine Glückspillen, die deine Konzentration erhöhen.

Das sind die Ratschläge, die uns zum Glück (und zum Schotter) führen sollen. Aber die sind in der Regel genauso schlecht, wie gar nichts in seinem Leben zu verändern.

Wir wissen alle, dass es diese universell einsetzbaren Wege zum Glück nicht gibt. Es gibt keine Lebensentwürfe und Strategien, die uns alle gleichermaßen glücklich macht. Und doch fallen wir immer wieder auf diese Versprechen rein. Wahrscheinlich weil es einfacher ist Vorlagen zu folgen, als selbst kritisch zu denken.

Wir sind in der Verantwortung, Ratschläge kritisch zu hinterfragen und für unsere Persönlichkeit zu bewerten. Schließlich will niemand von uns das Schaf sein, das blind einer Herde hinterherläuft.

Genauso wissen wir, dass unsere Handlungen kausale Zusammenhänge haben, doch viel zu selten machen wir uns das bewusst. Die Verwendung von gesundem Palmkernöl sorgt für die Abholzung von Regenwäldern, jeder Langstreckenflug ist schädlich für das Klima aus … Die Beispiele sind endlos, und selten verlaufen Handlung und Auswirkung linear.

Es wäre unsinnig, sich über jede einzelne Handlung Gedanken zu machen. Aber wir können jeden Tag bewusste Entscheidungen treffen, die unseren moralischen Standards entsprechen. Und noch wichtiger ist es, keine Dinge einzufordern, die wir selbst nicht befolgen.

Ich unterstelle uns, dass wir alles richtig machen wollen und aus Überzeugung handeln. Aber wer sagt schon, was richtig ist? Was unterscheidet uns von anderen extremen Gruppierungen, wenn wir uns auf diesen Thron erheben, von dem aus wir nur noch unsere fundamentalen Ansichten sehen?

 

Unvoreingenommen, weltoffen, unabhängig und selbstbestimmt – so möchten wir uns sehen und so sollten wir handeln. Ohne Doppelmoral und Fundamentalismus.

 

Danke für 58 Kommentare

Wir freuen uns über deine Fragen, Hinweise und allgemeines Feedback. Wenn du eine spezielle Frage zum Beitrag hast, schaue bitte zuerst in den bisherigen Kommentaren und im FAQ nach, ob du die Antwort dort findest.

Hinweis: vom 01.01. - 30.01.2018 kann ich selbst keine Kommentare beantworten. Grund dafür ist das erste von zwölf Lifestyle Experimenten in 2018. Bei dringenden Fragen kannst du dich an sebastian@wirelesslife.de wenden.

58 Kommentare zu "Doppelmoral und Fundamentalismus. Eine Selbstanzeige."

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