Was dir niemand über das Leben als digitaler Nomade sagt

Das Thema digitales Nomadentum entwickelt sich immer mehr von einer Randerscheinung zu einem Lifestyle, den viele Menschen für lebenswert halten. Das ist großartig und ich unterstütze diese Bewegung aus ganzem Herzen. Bevor du dich als digitaler Nomade ins Abenteuer stürzt, sei dir bewusst, dass es ganz und gar kein Kinderspiel ist.

Wenn ich mir so die deutsche Bloglandschaft ansehe, dann finde ich immer Inhalte, die sich mit dem digitalen Nomadentum beschäftigen. Ganz Blogs schreiben schwerpunktmäßig über diesen Lifestyle, selten werden jedoch Schattenseiten dargestellt.

Als digitaler Nomade unterwegs zu sein, hat eine ganze Reihe von Vorzügen, die ich selbst in vollem Maße genieße und deshalb auch nur jedem dazu raten kann, diesen Lifestyle für sich selbst auszuprobieren. Mit zunehmender Popularität von Reiseblogs und Internet Unternehmern gibt es jedoch auch vermehrt Personen, die aufgrund falscher Erwartungen den Kopf schnell wieder in den Sand stecken.

Das Leben als digitaler Nomade ist eben nicht immer ein Zuckerschlecken und besteht nicht nur aus Reisen, Strand und Partys. Deshalb möchte ich dir in diesem Beitrag einige persönliche Erfahrungen mit auf den Weg geben, die dich als digitaler Nomade besonders auf Reisen über kurz oder lang erwarten werden.

 

Optimale Arbeitsbedingungen auf Reisen sind eher die Ausnahme

Arbeiten von unterwegs hört sich klasse an und ist es auch oft. Das bedeutet aber auch, dass du dich nach jedem Standortwechsel wieder neu einrichten musst. Besonders wer schnell und viel reist, der wird das Arbeiten im Flughafen, Zug oder im Hostel auf Dauer nicht mehr als Spaß empfinden.

In großen Teilen von Asien, Südamerika und Afrika ist eine gute Internetverbindung keine Selbstverständlichkeit. Du wirst immer eine gewisse Zeit benötigen, um dich in einem neuen Land an die Gegebenheiten zu gewöhnen, dich gedanklich niederzulassen und ein Shared Office oder einen anderen Arbeitsplatz zu finden.

 

Kein konsistenter Tagesablauf und Zeitverschiebung

Anders als im normalen Büroalltag fällt es oft schwer, sich an einen geordneten Tagesablauf zu halten. Ich denke da an das Jogging am Morgen, die Kommunikation mit Klienten, regelmäßige Veröffentlichung von Blogposts oder andere “Routinearbeiten”. Auf Reisen brauchst du einfach eine gewisse Flexibilität.

Dazu kommt die Zeitverschiebung in vielen Orten der Welt. Dies kann Telefonate mit Freunden, Familie und Kunden erschweren. Auch die Gespräche in Social Media Feeds laufen oft dann ab, wenn du gerade schläfst. Hier hilft nur weise Vorausplanung oder die Anpassung der Schlafzeiten.

 

Trennung von Familie, Freunden und sporadische Einsamkeit

Ob dich das kalt lässt oder das Heimweh zu einem Problem wird, das hängt natürlich von deiner Persönlichkeit ab. Für mich ist es okay, da ich unterwegs wahnsinnig viele neue interessante Menschen kennenlerne. Dennoch können all die neuen Bekanntschaften keine langjährigen Freundschaften ersetzen.

Mit Menschen, auf die du unterwegs triffst, hast du keine gemeinsame Vergangenheit und kannst dich diesen nicht so anvertrauen, wie den Freunden und der Familie zu Hause. Es sind andere Beziehungen die du auf Reisen aufbaust: sie sind kurzlebig, intensiv und ganz auf das Hier und Jetzt ausgerichtet. Besonders in Zeiten, in denen es mal nicht so gut läuft, können vertraute Personen von zu Hause schon mal fehlen.

 

Stress und Frustration mit Behörden

Wenn du dich für ein Leben als digitaler Nomade entscheidest, dann gilt es eine ganze Reihe von Entscheidungen zu treffen. Meldest du deinen Wohnsitz in Deutschland ab oder bist du nur für ein paar Wochen im Jahr unterwegs? Welche Art von Gewerbe meldest du an? Was ist mit der Krankenversicherung? Altersvorsorge? Die Liste ist endlos.

Alle diese Entscheidungen sollten gut überlegt sein. Nicht immer ist es einfach, gute Informationen zu diesen Themen zu finden. Der Gesetzgeber und andere Institutionen kennen halt immer noch keine Langzeitreisenden. Sei dir dessen bewusst und bereite dich auf Hindernisse vor.

 

Keinen permanenten Wohnsitz zu haben, kann nachteilig sein

Wer seinen Wohnsitz komplett aus Deutschland abmeldet, der hat keine offizielle Postanschrift mehr, ist grundsätzlich nicht wahlberechtigt und hat auch keinen Anspruch auf Sozialleistungen. Natürlich kommt die Abmeldung auch mit Vorteilen, die du am Ende selber gegeneinander abwägen musst.

Selbst wenn du offiziell noch zu Hause gemeldet aber viel unterwegs bist, dann wird die Zustellung von Briefen und Pakten schwierig. Beispielsweise sind Bestellungen von Amazon oder die Nachsendung einer verlorenen Kreditkarte an eine Hosteladresse nicht besonders empfehlenswert.

 

Neid, Unverständniss und Konventionalität

Wenn du anderen Menschen erzählst, dass du als digitaler Nomade ortsunabhängig arbeitest und dabei um die Welt reist, dann kommen verschiedene Reaktionen. Das reicht von bloßem Unverständnis bis hin zu Neidern, die versuchen werden, dir ins Gewissen zu reden.

Für viele Menschen passt dieser Lifestyle einfach nicht in unser Gesellschaftsbild. Aufgrund von fehlender Offenheit oder der Angst anderer, dass es dir besser gehen könnte als einem selbst, wirst du auf Widerstände stoßen. Lede dir einfach ein dickes Fell zu und umgib dich mit Leuten, die dich unterstützen.

 

Besitztümer sind auf 20 kg beschränkt

Auf Reisen musst du dich einschränken und einige Besitztümer daheim lassen. Dazu gehören technische Ausrüstung wie Drucker und Scanner, ein Großteil des Kleiderschranks, Bücher und andere Habseligkeiten. Minimalismus ist das Stichwort, jedoch fällt diese Einschränkung nicht jedem leicht.

Mit etwas Übung wirst du merken, was du auf Reisen wirklich brauchst und wirst zudem feststellen, dass es die meisten Dinge auch im Ausland zu kaufen gibt. Wie du auf ein Großteil der technischen Ausrüstung verzichten kannst, habe ich in einem Beitrag zum papierlosen Büro erklärt.

 

Ich hoffe, dass dir die Lust am digitalen Nomadentum nicht vergangen ist. Mit diesem Artikel wollte ich dir nur ein paar mögliche Schattenseiten dieses Lifestyles aufzeigen, so dass du dich nicht komplett unvorbereitet ins Abenteuer stürzt.

Die meisten der angesprochenen Punkte können mit etwas Übung sogar zu Vorteilen werden, wenn du es richtig angehst. Also lasse dich nicht von dem Leben nach deinem Wunsch abbringen!

Hast du bereits Erfahrungen mit dem Arbeiten von unterwegs? Was sind deine größten Herausforderungen?

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[…] Was dir niemand über das Leben als digitaler Nomade sagt […]

Michael

Das mit dem Neid von vielen Deutschen finde ich wirklich schlimm. Dabei sehen die meisten einfach nicht, wie viel Arbeit hinter fast allen Projekten steckt. Viele digitale Nomaden haben zudem studiert und nicht immer lief es von Anfang an rund. Gerade am Anfang steht meistens eine entbehrungsreiche Zeit – teilweise mehrere Jahre – und viele Erfahrungen müssen teuer bezahlt werden. Die meisten Leute, die neidisch sind, würden derartige Risiken nämlich nicht eingehen. Übrigens auch ein Grund, außerhalb Deutschlands zu leben. Als ich letztens in den USA war, hatten mir einige gesagt, was für ein cooles Auto (ich sollte wohl öfter mal eins mieten :D) ich doch hätte – in Deutschland käme wohl wieder eher Neid auf.

Sabine Claudia Dreßler

Klasse Bericht und ja, ich kann Dir nur zustimmen. Wobei ich noch nicht ganz so der fliegende Nomade bin, ich hab mir jetzt meinen kleinen Polo “ausgebaut” und alles andere, was dort nicht hineinpasst (und das ist viel) verkauft, verschenkt, gespendet.
Nach 6 Wochen mit Hund und Rucksack geht es morgen für unbestimmte Zeit Richtung Andalusien – keine Ahnung, wohin oder wann es von dort aus weiter gehen wird.
Aber auch in den 6 Wochen habe ich schon bemerkt, dass ich vom Inhalt meines Rucksacks nicht mal die Hälfte gebraucht habe – aber andere Dinge, die noch in D. waren, wichtig gewesen wären. So war das vorweg eine tolle Zeit zur ersten Schnuppern – nur viel allein war ich nicht, es waren immer reichlich Globetrotter und Überwinterer um mich herum. Da werde ich wohl auf meiner Tour da runter mehr Allein-Sein haben 🙂 Ich freu mich auf jeden Fall, weiter von Dir zu lesen!

Keno

Sehr gut beschrieben! Es gibt immer auch negative Seiten wo es etwas Positives gibt. Oft ist es nicht einfach unterwegs zu arbeiten wenn die Bedingungen nicht gut sind oder die unpassende Umgebung bringt einen dazu es vor sich her zu schieben. Solange die positive Seite überwiegt kann ich wirklich nur jedem empfehlen es zu tun! Sich unterwegs zu verlieren während man reist hilft einem oft sich das erste Mal erst wirklich selbst zu finden.

Ben

Interessante Darstellung – finde ich gut, dass du dir mal die Downsides vornimmst! 🙂