Über Vorurteile, Stereotypen und Deutsche im Ausland

Auch wenn wir wissen, dass das Denken in Klischees oder Stereotypen nicht angebracht ist, tun wir es doch allzu oft. Genauso verallgemeinern natürlich auch Menschen aus anderen Ländern das Bild von uns Deutschen. Was denkst du, wie wir im Ausland gesehen werden?

So gut es geht, versuche ich vorurteilsfrei zu leben und Menschen nicht in Schubläden zu stecken. Doch erwische ich mich immer wieder mal dabei, Menschen aufgrund ihres Aussehens, ihrer Nationalität oder bestimmter Verhaltensweisen mit Stereotypen zu versehen, nur um dann später festzustellen, dass ich mit meiner Einschätzung absolut daneben lag.

„Meistens schauen wir nicht erst und definieren dann, wir definieren erst und schauen dann.“ – Walter Lippmann

Vielleicht hast du diese oder ähnlich Erfahrungen auch schon selbst gemacht: “Südkoreaner heben beim Laufen nie ihre Füsse”, “Italiener und Spanier sind ständig zu spät” oder “US-Amerikaner sind wenig weltoffen”.

Diese Aussagen sind ganz sicher nicht diskriminierend oder abwertend, sonder lediglich persönliche Beobachtungen, die schnell dazu verleiten, auf die Allgemeinheit zu schließen. Die Gefahr besteht darin, eine große Gruppe von Menschen in die gleiche Schublade zu stecken.

 

Nicht alle Australier besitzen ein Surfboard

Dieses engstirnige Denken führt zu Stereotypen und letztendlich Vorurteilen, die unsere Sichtweisen einschränken. Es sind eben nicht alle Griechen faul, es sehen nicht alle Asiaten genauso aus und nicht alle Australier stehen den ganzen Tag auf dem Surfbrett.

Nur wenn du ohne Vorurteile auf andere Menschen zugehst, dann gibst du euch beiden die Chance, euch richtig kennenzulernen. Wer damit beginnt, in diesen Schubläden zu denken, der verfestigt schnell Vorurteile und verbaut sich viele Möglichkeiten für interessante Begegnungen und Gespräche.

 

Nicht alle Deutschen tragen Lederhosen

Natürlich gibt es auch im Ausland den Stereotypen “Deutscher” und ich finde es immer wieder interessant, wie wir von außen gesehen werden.

In den letzten 10 Jahren habe ich Menschen aus so ziemlich jedem Teil unserer Erde getroffen und immer wieder ähnliche Reaktionen erhalten, nachdem ich mich als “I’m German” geoutet habe. Die erste Reaktion hängt sicher auch von der Nationalität ab (Holländer sind oftmals weniger erfreut), aber im Grunde sind sie eher positiv.

Im Small Talk fallen schnell Schlagwörter wie Oktoberfest, traditionelle Kleidung, Bier, Weißwurst, Schlösser, Berliner Mauer, Autobahn oder Angela Merkel. Deutschland wird im Ausland als einflussreichstes Land in Europa angesehen, das diese Rolle durch harte Arbeit, hohe Qualität und typisch deutsche Tugenden erreicht hat.

Besonders für Nicht-Bayern mag das Klischee des Deutschen mit Dirndl, Brezel und Maßkrug etwas nervig sein. Auch wird im Ausland oft sehr direkt und offen über die Weltkriege, Hitler und den Holocaust gesprochen, was bei manchen ein unwohles Gefühl auslösen mag.

 

Der Sterotyp “German”

Was mich persönlich manchmal stört, sind nicht die Vergangenheit unseres Landes oder die starke Außenwirkung von Bayern, sondern die Verallgemeinerung von deutschen Charakterzügen. Deutsche Tugenden werden durchaus positiv gesehen, sind jedoch auch mit einem negativen Touch behaftet:

  • Deutsche sind organisiert, handeln sehr durchdacht und planen immer weit im Voraus
  • Deutsche sind äußerst verantwortungsbewusst, dadurch jedoch wenig flexibel und spontan
  • Deutsche sind humorlos, wenn es zur Befolgung von Regeln und Einhaltung von Normen kommt
  • Deutsche sind verschlossen, nicht sehr kontaktfreudig und meist unter sich
  • Deutsche sind wohlhabend und reiselustig

Treffen diese Eigenschaften auf dich zu? Sicher nicht alle, oder? Besonders als langjähriger Berliner kann ich mit Sicherheit sagen, dass es den Sterotypen vom Deutschen ganz und gar nicht gibt (alleine in der Hauptstadt gibt es wahrscheinlich 10 komplett unterschiedliche Typen von Deutschen).

Genauso wie es DEN Deutschen nicht gibt, gibt es auch nicht den Chinesen, den Südafrikaner oder den Brasilianer. Ich würde mich freuen, wenn wir alle weniger in Schubläden denken und offener aufeinander zu gehen könnten.

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[…] Wer als Person wirklich wachsen will, der muss seine eigene Komfortzone verlassen. Sich in entfernte Länder und Kulturen zu wagen, die nicht unbedingt in jedem Reiseführer 5 Sterne erhalten, das eröffnet neue Sichtweisen. Mit Einheimischen und anderen Reisenden zu sprechen, das sorgt für Aha-Momente und baut Vorurteile ab. […]

das mit den Holländern kann ich nicht so bestätigen…ich lebe in dem Land und mache keine schlechte Erfahrungen. Ich muss berufswegen mich immer wieder mit der ‘typisch deutsch’ Frage beschäftigen und mag es auch nicht, zu pauschalisieren…Trotzdem wollen meine Kunden wisse, ob die Deutschen denn tatsächlich so formell sind und auf ihre akademischen Titel bestehen…Wer gibt mir recht, dass sich mit der nachwachsenden Generation auch das Geschäftsleben (und die Etikette) verändern? Gruß Alexandra

Was mir bei dem Thema immer auffällt: Keine Nation denkt so schlecht über die Deutschen, wie wir selbst. Vieles (nicht alles) was man als “typisch deutsch” abtut, ist im Ausland oft noch viel extremer. Dass Deutschland das Land der Bürokratie ist, dachte ich nur bis ich mit meiner Freunein einen 37 seitigen Visums-Antrag für ein Praktikum(!) in Australien ausgefüllt habe. Und dass Deutsche diejenigen sind, die im Flugzeug sofort aufstehen, wurde in Asien eindrucksvoll widerlegt, als alle schon standen, kaum dass wir den Boden berührt hatten 😀