Volkskrankheit Burn-Out: Ein „Erste-Hilfe-Koffer“

Warum sind wir heute so getresst und warum ist Burn-Out als Volkskrankheit bekannt, obwohl es uns gesellschaftlich noch nie so gut ging wie momentan? Wie Stress entsteht, was Burn-Out bedeutet, wie du deine eigenen Frühwarnzeichen erkennen und mit Stress umgehen kannst, erfährst du hier.

Alexandra KuptzPsychologin Alexandra schreibend auf der Suche nach dem Glück

Kommen dir diese Sätze bekannt vor? „Ich habe keine Zeit“, „Ich bin gestresst auf der Arbeit“, „Der Tag ist zu kurz“, „Ich wünsche mir wieder mehr Zeit für die schönen Dinge im Leben“.

Der Alltag wird immer schnelllebiger und du hast das Gefühl, dass du nur noch funktionierst? Willkommen im 21. Jahrhundert, in der schönen neuen Welt. Fragen, die mich zu dem Thema beschäftigen sind:

Warum sind wir heutzutage so gestresst?

Warum kommt es so gut wie nie vor, dass wir unser Arbeitspensum „für heute geschafft haben“, sondern dass stattdessen immer noch mehr auf der Agenda steht?

Sollten wir nicht eigentlich mehr Zeit haben, wenn doch so viele Maschinen mittlerweile unsere Arbeit übernehmen können? Warum haben wir dann noch Angst um unseren Arbeitsplatz?

“Das Leben ist kurz, weniger wegen der kurzen Zeit, die es dauert, sondern weil uns von dieser kurzen Zeit fast keine bleibt, es zu genießen.” – Rousseau

 

Noch nie ging es den Menschen auf der Welt so „gut“, noch nie gab es auf der anderen Seite so viel Stress, Burn-Out und Depression. Wir befinden uns einer Zeit und einem System, das immer schnelllebiger wird. Wir haben gar keine Zeit mehr nachzudenken, wir haben ständig das Gefühl „nicht mehr hinterherzukommen“.

Durch ständige Erreichbarkeit auf diversen Kanälen gibt es kaum einen Moment, den wir nur für uns haben. Auf der Arbeit fühlen sich viele Menschen immer mehr als ein kleines Rad in der großen Maschinerie, welches sich irgendwie immer weiterdreht.

Wir wissen oft gar nicht mehr genau, was wir machen, der Workload wird größer und die Arbeitsaufgaben immer fremder, teilweise sogar absurd und für den normalen Menschenverstand gar nicht mehr nachvollziehbar.

Für welches Unternehmen arbeiten wir eigentlich? Was machen die da oben? Welchen Impact haben die auf die gesamtpolitische Lage? Oft finden wir keine Antworten mehr auf die Fragen.

“Arbeit um der Arbeit willen ist gegen die menschliche Natur.” – Locke

 

Die emotionale Bindung der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen an ihr Unternehmen wird immer geringer, fast jeder vierte Arbeitnehmer hat innerlich gekündigt. 52 Prozent der Beschäftigten in Deutschland fühlen sich erheblich gestresst und gehetzt.

Psychische Erkrankungen sind derzeit die zweitwichtigste Ursache für Arbeitsunfähigkeit in Deutschland. Nach Angaben der AOK hat sich die Krankheitslast aufgrund von Burn-Out-Diagnosen in den letzten zehn Jahren mehr als vervierfacht. Es wird eine noch höhere Dunkelziffer vermutet.

In Japan gibt es bereits den sogenannten Karoshi (der Tod durch Überarbeitung) und Karojisatsu (der Freitod aufgrund von Arbeitsstress). Karoshi und Karojisatsu sind inzwischen juristisch als haftungspflichtige Todesursachen anerkannt. Die Zahl der Betroffenen wird jährlich auf 10.000 beziffert, die Zahl der akut Gefährdeten auf das Zehnfache geschätzt (Heide 2000).

Finde nur ich das besorgniserregend? Hierzu habe ich mehrere Gedanken. Aber erstmal wieder ein bisschen Theorie und im Anschluss einen Erste-Hilfe-Koffer, um deinen aktuellen bzw. akuten Stress abzubauen.

 

Was bedeutet Burn-Out?

Wenn Stress zur chronischen Belastung wird, kann man von Burn-Out sprechen. Wichtig ist hier zu unterscheiden, dass es gesunden, den sogenannten Eustress sowie krank machenden, den sogenannten Distress gibt.

Eustress kennst du vielleicht, wenn du eine spannende Aufgabe erledigst, die aber nur bis zu einem Maße herausfordernd ist, dass dich nicht überfordert. Oder wenn du verliebt bist oder Achterbahn fährst. Eustress steigert Motivation, Aufmerksamkeit, Konzentration und Leistungsfähigkeit. Wir können in diesem Zustand eine Herausforderung besser erledigen und werden hinterher mit Glückshormonen und einem gestärkten Selbstvertrauen belohnt.

Stress ist bis zu einem gewissen Level sogar überlebenswichtig gewesen. Vielleicht kennst du das Beispiel mit dem Säbelzahntiger, der den Menschen früher gegenübergestanden hat. Der Mensch musste ohne viel nachzudenken entscheiden, ob er nun gegen ihn kämpft oder wegläuft (Fight or Flight). Somit hat ihm seine körperliche Reaktion geholfen adäquat auf eine Situation zu reagieren, ohne viel nachdenken zu müssen. Denn hätte der Mensch erstmal lange abwägen müssen, wäre es für ihn längst zu spät gewesen.

Heute gibt es diesen Säbelzahntiger noch in Form von unserem Vorgesetzten, dem Workload, Streit mit Bekannten oder Freunden. Negativer Stress, auch Distress genannt, entsteht, wenn die Grenze der Anpassungsfähigkeit der jeweiligen Person an die Herausforderungen permanent überschritten wird und wenn es dann kein Ventil gibt, um den Stress herauszulassen und/oder wir glauben, dem Druck, dem wir permanent standhalten müssen, nicht gewachsen zu sein.

 

Wie entsteht Stress?

Wenn man Stress verstehen will, muss man sich drei Faktoren anschauen: den Stressor, die persönlichen Stressverstärker und die Stressreaktionen. Kaluza hat in dem Zusammenhang eine sogenannte Stressampel entwickelt. (Kaluza, G. (2011). Stressbewältigung. Springer: Berlin, Heidelberg)

Als Stressoren bezeichnet man in der Psychologie neutrale Reize, die durch die subjektive Einschätzung oder die eigene Bewertung als ein Stressauslöser empfunden werden. Du kannst dir ja mal selbst überlegen, wann du in Stress gerätst. Stress ist nämlich nicht für jede Person gleich.

Stressoren hängen maßgeblich von deiner eigenen Einstellung, deiner Bewertung einer Situation, deiner Verhaltensmuster, sowie deiner momentanen Belastbarkeit und deinem generellen Umgang mit Anforderungen ab. Für dich kann eine bestimmte Situation den totalen Stress bedeuten während es dein Kollege nicht annährend so empfindet.

Es liegt in der Natur des Menschen, dass wir Dinge um uns herum in einem Bruchteil einer Sekunde bewerten, also ob eine Situation gerade angenehm, unangenehm oder neutral zu interpretieren ist. Denke hier an den Säbelzahntiger. Diese schnelle Bewertung war früher überlebenswichtig. Aufgrund dieser Bewertung reagieren wir meistens direkt mit Ablehnung oder Zustimmung.

Wird eine Situation als unangenehm empfunden, versucht unser Organismus den gewünschten Soll-Zustand zu erreichen. Das kann manchmal in Stress ausarten, weil wir z.B. versuchen an einer bestimmten Vorstellung festzuhalten, diese aber nicht erreichen (können).

Es entsteht eine Diskrepanz zwischen Vorstellung und Realität. Ungeduld, Perfektionismus und Einzelkämpfertum sind hier nur ein paar Bespiele von persönlichen Stressverstärkern.

Stell dir vor, du willst unbedingt eine Aufgabe für den Tag erledigen, weißt aber eigentlich schon vornherein, dass das zeitlich gar nicht machbar ist. Du gerätst in Stress, weil du versuchst es noch hinzubekommen, es ist aber bei dem Pensum schier unmöglich. Du bist gestresst.

Unsere Gedanken können uns entweder dabei helfen, die Situation bzw. unsere körperlichen Reaktionen abzumildern oder zu verstärken. Diese Gedanken kommen meist ganz automatisch, sie sind uns oft noch nicht einmal bewusst.

„Hilfe, das schaffe ich sowieso nie“ kann in dem Moment zu einem noch größeren Unwohlsein führen wohingegen der Gedanke „Irgendwie kriege ich das schon hin, im Nachhinein ist alles sowieso nicht so heiß wie es gekocht wird“ helfen kann, den Stress zu mildern.

Typische körperliche Reaktionen sind: zitternde Hände, schnellerer Herzschlag, rasende Gedanken, Gereiztheit bis hin zur Erschöpfung, sozialem Rückzug, Depression …

Wenn du dich mit deinem eigenen Stresserleben auseinandersetzen willst, habe ich folgende Tipps für dich.

Schaue zunächst nach deinen eigenen Stressoren, Stressverstärkern und Stressreaktionen. Stelle dir am Besten eine oder mehrere Situationen vor, in denen du dich gestresst gefühlt hast und untersuche die Faktoren, die dazu geführt haben.

  • Stressoren: Wann gerätst du in Stress? Vervollständige den Satz: „Ich gerate in Stress, wenn…“ Als kleine Hilfe: Stressoren können z.B sein: Hohe Leistungsanforderung, zu viel Arbeit, soziale Konflikte, Zeitdruck, hoher Geräuschpegel, unkontrollierbare Unterbrechungen während der Arbeit …
  • Stressverstärker: Wo setzt du dich selbst unter Druck? Vervollständige den Satz: „Ich setze mich selbst unter Stress, indem …“
  • Stressreaktionen: Wie reagierst du selbst auf Stress? Vervollständige den Satz: „Wenn ich im Stress bin, dann …“

Wenn du deine persönlichen Faktoren zum Thema Stress kennst, kannst du viel besser danach handeln bzw. den Stress schon ausschalten, bevor er sich langfristig in deinem Körper manifestiert. Einige Stressoren lassen sich gut vermeiden. Suche dir beispielsweise eine ruhigere Arbeitsumgebung, mache dir einen Zeitplan bzw. plane realistischer, ein gutes Zeitmanagement ist oft ein wichtiger Faktor.

Du kannst z.B. nach dem sogenannten ALPEN Modell arbeiten. Willst du auch an deinen inneren Anteilen zum Thema Stress arbeiten?

Tipps und Tricks zusammengefasst

  • Identifiziere deine persönlichen Stressoren
  • die Stressverstärker
  • deine Bewertung und
  • Gedanken zu einem Thema
  • Checke die Situation und bewerte sie anschließend nochmal neu. Ist die Situation wirklich so schlimm? Was kannst du aktuell ändern, um die Situation zu verändern. Nimm es selbst in die Hand. Handele

 

Und noch paar Gedanken zum Schluss…

“Um ein tadelloses Mitglied einer Schafherde sein zu können, muss man vor allem ein Schaf sein.” – Einstein

Abschließend will ich gern noch mit dir meine Gedanken teilen, die ich am Beginn des Artikels angedeutet habe. Vielleicht findest du dich darin wieder, vielleicht kannst du damit aber auch gar nichts anfangen. Alles ist okay, aber lass es so oder so doch mal auf dich wirken.

Stress und Burn-Out. Ein Syndrom, welches behandelt werden muss!? Ich setze da jetzt mal ganz klar ein Fragezeichen hinter. In der Psychologie werden die Ursachen oft bei der Person und bei der direkten Umgebung gesucht.

Man kommt während eines Coachings oder einer Psychotherapie wahrscheinlich relativ schnell auf den Trichter, dass die Arbeitsumgebung bzw. die Belastung einen krank gemacht hat und dass man es irgendwie schaffen muss, sich innerlich davon abzugrenzen und sogenannten Coping-, also Bewältigungsstrategien für sich zu finden.

Was wäre denn aber eigentlich, wenn man den Gedanken zulassen würde, dass vielleicht nicht der Mensch selbst, sondern das gesamte System krankt und dass die Vielzahl der psychischen Erkrankungen aus unserer Gesellschaft und vor allen Dingen den Arbeitsbedingungen herrühren?

Wenn ein Mensch psychisch belastet ist, muss man ihn immer sofort „gerade biegen“. „Der Arme, er hält dem Druck nicht stand.“ Ich sage: kein Wunder. Vielleicht sind gar nicht wir die Kranken, sondern vielmehr die Gesellschaft, in die der wir leben?

Es gibt bereits einen Hoffnungsschimmer: Wissenschaftler und sogar Unternehmer haben mittlerweile verstanden, dass in der Arbeitsweise ein Umdenken stattfinden muss. Unter dem Begriff „New Work“ gibt es bereits einige interessante Ansätze, die wieder den Menschen anstatt die Arbeit in den Mittelpunkt rücken.

Und du hast jetzt einen kleinen Erste Hilfe Koffer an die Hand bekommen. Wenn du selbst Stress hast, hoffe ich, dass er dir weiterhilft. Wenn du jemanden kennst, den das Thema interessieren könnte, kannst du dein Wissen ab jetzt natürlich auch teilen. Du bist schon jetzt fast Profi auf dem Gebiet.

Danke, dass du dir Zeit für den Artikel genommen hast.

Alles Liebe <3

Hast du noch Fragen oder Anmerkungen zum Thema Stress oder brauchst Unterstützung? Schreibe uns gerne an. Wir unterstützen dich gerne auf deinem Weg.

Über die Autorin

Alexandra Kuptz

Alexandra Kuptz ist selbständige Psychologin. Sie versteht sich als Motivatorin und Glücksbeauftragte und begleitet Einzelpersonen und Gruppen auf ihrer Visions- und Sinnsuche mit einer gesunden Portion Witz und Achtsamkeit.

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