Aufgewacht S1E1: Das Bergdorf oder warum das Leben ein Spiegel ist

In dieser kurzen Geschichte geht es darum, welche Auswirkung die innere Einstellung auf das äußere Erleben hat. Und es geht um meine ganz eigene Geschichte. Darum, wie ich ununterbrochen weggerannt und mich abgelenkt habe. So lange, bis der Spiegel durch negative Gefühle so verdreckt war, dass ich mich darin selbst nicht mehr erkennen konnte.

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Felix wuchs in einem abgelegenen Dorf, weit oben in den Bergen, auf. Noch nie hatte er die Grenzen seines Heimatortes verlassen. Als er das Erwachsenenalter erreichte, packte ihn die Reiselust. Felix war voller Neugier. Er wollte die Welt erkunden, von der er bisher so wenig wusste.

Also sammelte er ein paar Sachen zusammen, setze sich den Rucksack auf und verabschiedete sich unter Tränen von seiner Familie. Da er kein klares Ziel vor Augen hatte, machte er sich an den Aufstieg des nahegelegenen Berges, über den nur die wenigsten der Dorfbewohner jemals rübergeschaut haben. Felix konnte es kaum abwarten zu sehen, was ihn auf der anderen Seite erwartete.

Nachdem er einige Stunden bergauf gewandert war, traf er kurz vor dem Berggipfel auf einen alten Mann, der im Schatten eines Baumes genüsslich seine Pfeife rauchte. Die beiden kamen ins Gespräch. Felix erzählte dem Greis, dass er aus dem Dorf an der Südseite des Berges komme und nun die weite Welt entdecken möchte.

Auf die Frage, wohin er denn wolle, hatte Felix jedoch keine Antwort. Daraufhin verriet ihm sein neuer Freund, dass es auf der anderen Seite des Berges auch ein Dorf gibt, sehr ähnlich dem seinen. „Wie sind die Bewohner dort so?“, wollte Felix wissen.

„Wie sind die Menschen in deinem Dorf?“, fragte der Greis. „Oh, die sind ganz wundervoll. Sie sind äußerst freundlich, haben immer Zeit für einen Plausch und helfen einander auf dem Feld. Ich habe die Dorfbewohner wirklich ins Herz geschlossen“, erwiderte Felix. „Deine Beschreibung klingt genau nach dem Dorf, in dessen Richtung du wanderst“, erzählte ihm der alte Mann mit einem breiten Grinsen im Gesicht.

Voller Vorfreude bedankte sich Felix für das nette Gespräch, setzte seinen Rucksack wieder auf und machte sich schnellen Schrittes auf den Weg. Angetrieben von den Erzählungen wollte er das Dorf auf der anderen Seite des Berges unbedingt noch vor Sonnenuntergang erreichen.

Nachdem er gerade den Gipfel hinter sich gelassen hatte, kam ihm ein junger Mann entgegen, der in etwa in seinem Alter sein musste. Felix grüßte freundlich, wurde aber komplett ignoriert. Er dachte sich nichts weiter dabei. Zu groß war seine Neugier auf das unbekannte Dorf und deren liebenswürdige Bewohner.

Der junge Mann, der Felix im Vorbeirennen gar nicht bemerkte, hatte sich zur gleichen Zeit von der Nordseite des Berges aufgemacht. Sein Name lautete Tristan. Auch er war aufgebrochen, um die weite Welt zu erkunden.

Kurz nachdem Tristan schnellen Schrittes den Berggipfel hinter sich gelassen hatte, begegnete er ebenfalls dem Greis, der immer noch gemütlich unter dem Eichenbaum saß und an seiner Pfeife zog.

„Hey, alter Mann“, rief Tristan ihm aus einiger Entfernung zu. Als dieser nicht reagierte, wiederholte er den Ruf, diesmal lauter und mit genervter Stimme. Daraufhin hob der Greis den Kopf und nickte ihm wohlwollend zu.

„Sag mir, alter Mann, was kannst du mir über das Dorf am südlichen Ende des Berges erzählen? Wie sind seine Bewohner?“, wollte Tristan wissen. „Wie sind die Menschen in deinem Dorf?“, fragte der Greis mit ruhiger Stimme.

„Puh, die sind furchtbar. Sie schindern und schwitzen den ganzen Tag, haben kein freundliches Wort übrig und teilen ihre Ernte mit niemandem. Genau deshalb habe ich dieses grauenhafte Dorf ja verlassen“, gab Tristan angewidert zur Antwort.

„Nun dann“, sagte der Greis mit ernsthafter Miene, „dann muss ich dir leider sagen, dass die Bewohner des nächsten Dorfes ganz genauso sind.“

 

Die Bewertungen

Kennst du das, wenn du im Urlaub bist, dich frisch verliebt hast oder gerade befördert wurdest. Du gehst dann morgens auf die Straße, alle Menschen scheinen dir wohl gesonnen zu sein, alle Ampeln stehen auf Grün und der Himmel ist ein klein wenig blauer als sonst.

Dann gibt es aber auch die Tage, an denen gar nichts zu funktionieren scheint. Das Frühstück schmeckt nicht, auf dem Weg zur Arbeit siehst du nur schlecht gelaunte Menschen und im Radio läuft kein einziges Lied, das dir gefällt.

Es ist ein und derselbe Tag. Weder das Wetter, noch die Menschen, die Ampelschaltung und schon gar nicht die Musik im Radio haben sich verändert. Allein deine Bewertung ist eine andere. Sie macht den Unterschied, ob dein Tag wie Himmel oder Hölle auf Erden ist.

Das Leben ist wie ein Spiegel. Es reflektiert uns immer genau das, was in unserem Inneren vorgeht. Tragen wir negative Gefühle wie Sorgen, Angst oder Wut mit uns herum, erscheint uns die Welt ungerecht.

 

Das Davonlaufen

Ich möchte dir gerne eine kleine Anekdote aus meinem Leben erzählen. Im Alter von 23 Jahren wurde ich aus einem gut bezahlten Job gekündigt, eine Beziehung ging in die Brüche und mein Auto hatte wirtschaftlichen Totalschaden. Das alles geschah innerhalb von einer Woche. Zur gleichen Zeit haben einige Kilometer entfernt Hunderttausende Fußballfans am Brandenburger Tor das deutsche Sommermärchen gefeiert.

Mit einem Mix aus Wut und Enttäuschung entschied ich mich recht spontan für ein Abenteuer. In Berlin hielt mich nicht mehr viel, also rein in den Flieger und weit weg nach Australien. Ein Jahr Work & Travel sollten mich auf andere Gedanken bringen. Wie Felix aus der Geschichte wollte ich sehen, was die Welt so zu bieten hat.

Alles war neu und aufregend, ein wenig, wie frisch verliebt zu sein. Erst später begriff ich, dass ich mich in diesem Jahr ununterbrochen abgelenkt, mich aber keine einzige Sekunde mit mir selbst beschäftigt hatte. So schön das Jahr war, so fest saßen die Gefühle von Wut, Enttäuschung und Orientierungslosigkeit auch noch bei der Rückkehr.

Zurück in Berlin stand ich dann sechs Jahre später, in 2012, vor dem Ende meines Masterstudiums in International Business. Ein gutes Angebot für eine Festanstellung hatte ich bereits, aber mich packte die Angst beim Gedanken daran, wieder so abhängig von einem Arbeitgeber zu sein. Also bin ich erneut weggerannt. Sehr weit. Bis nach Shanghai, wo ich mich kurz darauf auch selbständig gemacht habe.

Jahrelang bin ich als digitaler Nomade um die Welt gezogen, konnte an den schönsten Orten der Welt leben und arbeiten, tolle Menschen kennenlernen und meinem Drang nach Freiheit gerecht werden.

Als dann Anfang 2017 eine lange Beziehung vor dem Aus stand, war ich wieder drauf und dran wegzurennen, mich abzulenken, mit immer neuen Orten, neuen Menschen und neuen Abenteuern.

Glücklicherweise hat mir meine Intuition gesagt, dass weglaufen diesmal keine Option ist. All die Schmerzen, Frustrationen und Vorwürfe würde ich überall hin mitnehmen. Ganz egal, wie weit ich renne. Ich kann diese Gefühle vorübergehend betäuben, sie aber nicht totschweigen. Alle diese Gefühle wollen gefühlt werden.

In der Einsamkeit und Ruhe bin ich dem Ursprung für die negativen Gefühle auf den Grund gegangen. Ich habe verstanden, dass niemand für mein Glück verantwortlich ist, außer mir selbst. Und ich habe auch verstanden, dass meine Beziehungen zu anderen Menschen, immer die Beziehung zu mir selbst widerspiegeln.

 

Der Blick nach Innen

Selten können wir etwas an der Umgebung oder an anderen Menschen ändern. Worauf wir aber immer einen Einfluss haben, ist unsere eigene Bewertung; die Brille, durch die wir sehen.

Wenn ich verliebte Pärchen sehe oder die ganze Stadt voller Kinderwagen ist und ich dann abwertend darüber rede, trage ich vielleicht einen unerfüllten Wunsch in mir. Wenn ich jemanden abfällig anschaue, weil er bei Rot über die Ampel läuft, sollte ich vielleicht selbst öfter mal die Regeln brechen.

Immer, wenn ich emotional auf etwas reagiere, dann gibt es einen Auslöser in mir. Jemand anderes drückt diesen Auslöser, das Problem ist aber mein eigenes.

Wenn wir Schuldgefühle, nicht beendete Beziehungen, Wut auf den alten Arbeitgeber oder Trauer über einen verstorbenen Menschen mit uns herumtragen, beeinflusst das, wie wir andere Menschen sehen.

Je weniger negative Gefühle wir mit uns herumtragen, desto sauberer wird der Spiegel, durch den uns die Welt da draußen unser eigenes Selbst widerspiegelt.

Meine Bitte an dich ist, mal darüber nachzudenken, warum einige Menschen immer Glück zu haben scheinen und andere vom Pech verfolgt werden. Was ist der Unterschied zwischen Menschen wie Felix und Tristan?

Versuche, bewusst im Alltag darauf zu achten, was dir widerfährt und was das mit deiner inneren Einstellung zu tun hat. Sicher findest du einige Parallelen.

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Laura

Ein sehr inspirierender Artikel, vor allem mit der Geschichte am Anfang. Ich habe gemerkt, dass meine tägliche Dankbarkeitsroutine genau diesen Perspektivenwechsel herbeigeführt hat. Seit dem ich ganz bewusst darauf achte, was für wunderbare Dinge mir passieren und diesen auch besonders viel Bedeutung zukommen lasse, haben sich die negativen Ereignisse drastisch reduziert. Auch ganz allgemein kann ich sagen, bin ich viel lebensfroher dadurch geworden. Ich habe mir zur Unterstützung damals ein Dankbarkeitstagebuch gekauft. Mittlerweile gibt es ja wirklich schon viele davon und sogar eine Vergleichsseite, auf die ich kürzlich gestoßen bin. Ich teile sie hier einfach mal, damit die Wahl des richtigen Exemplars dem ein oder anderen vielleicht etwas leichter fällt als mir 🙂 https://www.dankbarkeitstagebuch.de