Die 7-Tage-Arbeitswoche: zwischen Lifestyle und Business

Zwei Wochen lang wollte ich mal den Laptop zulassen und so richtig abschalten. Dafür war mindestens genau so viel Vor- und Nachbereitung nötig, wie damals als Angestellter, der seinen Urlaub plant. Digitale Selbständigkeit bedeutet eben nicht nur Kokosnuss und Palmen, sondern oft auch goldener Käfig.

Die 4-Stunden-Woche verspricht mehr Zeit, Geld und Leben. Auch wenn es im Buch von Tim Ferriss nicht um die Wochenarbeitszeit, sondern eher um den Lifestyle geht, schwingt im Titel sehr viel Leichtigkeit mit. Viel zu schnell vermitteln Bücher oder Erfahrungsberichte auf Blogs den Eindruck, dass jeder im Handumdrehen sein Leben ändern kann. Und das von einem Extrem zum anderen.

“Das, was du hast, das will ich auch!”, solche E-Mails erreichen mich hin und wieder. Im Stillen fragen ich mich dann, ob der Absender sich seiner wirklich so sicher ist.

Wenn ich nur etwas in den Momenten poste, in denen ich mich gut fühle und dies der Welt zeigen möchte, dann bekommst du als Leser nie etwas von meinen Tiefpunkten und Zweifeln mit. Selbst wenn ich mal etwas Negatives poste, dann ist dies trotzdem nicht ungefiltert.

Ich kenne viele viele digitale Unternehmer (mich eingeschlossen), die 50-60 Stunden in der Woche arbeiten. Wir reden uns dann ein, dass es sich nicht wie Arbeit anfühlt, da es uns Spaß macht und wir mit diesem Lifestyle Business unseren Leidenschaften folgen. Das stimmt zu einem gewissen Maße, dennoch ist es Arbeit, die zwar selbständig ist aber Verpflichtungen mit sich bringt.

Mich stresst es immer mehr, ständig online zu sein, und viele feste Termine in meinem Kalendar zu haben. Über die letzten 4 Jahre wurde ich immer weniger flexibel in der Entscheidung, wann, wo und wie lange ich arbeite. Aus der großen Freiheit der digitalen Selbständigkeit wurde ein goldener Käfig.

Ich möchte dir weder den Mut zur digitalen Selbständigkeit nehmen, noch das ortsunabhängige Leben schlecht reden. Was ich mit diesem Artikel möchte, ist, dich für einen Lebensstil zu sensibilisieren, der zu oft als das Non Plus Ultra für freiheitsliebende Menschen dargestellt wird. Diese Perspektive hilft dir hoffentlich bei der Suche nach dem für dich passenden Lebensentwurf.

 

Kompromiss zwischen 4-Stunden- und 7-Tage-Woche

Nur 4 Stunden in der Woche zu arbeiten und dabei gutes Geld zu verdienen, ist definitiv möglich, nachdem man sich passive Einkommensströme einmal aufgebaut hat. Das habe ich selbst erfahren und sehe es bei vielen Bekannten.

Warum du selten von diesen Leuten hörst, die tatsächlich nur ein paar Stunden in der Woche arbeiten?

Ganz einfach, weil sie nicht in der Öffentlichkeit stehen möchten, denn das bedeutet ganz automatisch Mehraufwand. Sie haben ihr funktionierendes Geschäftsmodell gefunden und posaunen es nicht in die Welt.

Was wir zu Gesicht bekommen, sind Blogger, YouTuber und Dienstleister, deren Marke stark an die eigene Persönlichkeit gekoppelt ist. Das ist aber nur die Spitze des Eisbergs. Ich bin überzeugt, dass wir 90% der wirklich erfolgreichen Online Unternehmer nie zu Gesicht bekommen, weil sie ganz bewusst anonym operieren. Schade eigentlich, da sie sicher viel Know-How zurückgeben könnten.

Zu Beginn meiner Selbständigkeit habe ich ein halbes Jahr lang 20-30 Stunden in der Woche in den Aufbau von Affiliate Nischenseiten gesteckt. Ein Jahr später konnte ich sehr gut davon leben und musste für mein Einkommen nicht mehr als 4 Stunden in der Woche arbeiten.

Ich glaube nicht, dass diese Nischenseiten über viele Jahre hinweg funktionieren, ohne dass ich sie regelmäßig pflege, aber dennoch verdienen sie mir auch heute noch, 3 Jahre später, einen Großteil meines passiven Einkommens.

Eigentlich hätte ich es mir mit den Affiliate Seiten bequem machen können, kam aber dann auf die glorreiche Idee, einen Blog inklusive Community zu starten. Die Wochenarbeitszeit stieg von theoretischen 4 auf weit über 40 Stunden. Mein Einkommen stieg leider nicht um den Faktor 10, sondern veränderte sich lange Zeit gar nicht.

Warum also der ganze Stress?

Weil es mich ganz einfach nicht befriedigt, Affiliate Seiten zu bauen oder Chinaware zu vertreiben. Sich ein passives Grundeinkommen zu schaffen und etwas zu tun, mit dem man für sich und andere Menschen einen Mehrwert schafft, muss nicht das Gleiche sein.

Gutes tun sollte jedoch nicht zwangsläufig dazu führen, zum Workaholic zu werden. Für mich muss es eine Balance aus Money-Business, Passion-Business und Freizeit sein, nach der ich immer noch suche.

Diesen Kompromiss zu finden, anstelle Regenbögen und Einhörnern hinterherzujagen, ist wohl die echte Kunst des digitalen Unternehmertums. Es muss nicht das eine oder andere Extrem sein, sondern ein für mich passender Lebensentwurf, der sich wohl irgendwo in der Mitte zwischen Ortsunabhängigkeit und Bodenständigkeit befindet.

 

Freedom Business vs. goldener Käfig

Von außen betrachtet sieht also alles so lockerleicht aus – Buchveröffentlichung, Workations, Coaching, Vorträge und nebenbei um die Welt reisen. Lange Zeit habe ich das auch selbst so gesehen.

Irgendwann kam die Realisation, dass meine Flexibilität mit wachsendem Zuspruch und Projekten immer mehr beschnitten wird. Zwar kann ich immer noch selbst bestimmen, wann ich morgens anfange zu arbeiten und ob ich den Nachmittag lieber im Park oder im Café verbringe aber einfach mal tagelang gar nicht arbeiten, wenn mir danach ist, geht nicht. Okay, geht schon, aber dann hätte ich in spätestens einem Jahr kein Einkommen mehr.

Was ist aus dem Freedom Business geworden, das so viel Unabhängigkeit verspricht?

Es war von Anfang an eine Wunschvorstellung. Niemand ist primär ein digitaler Nomade, Lifestyle Entrepreneur oder Freedom Fighter – zuallererst sind wir Selbständige mit allen Freiheiten aber auch Verpflichtungen.

Genau daran solltest du denken, wenn du in die digitale Selbständigkeit startest. Nicht nur daran, wie du dich finanziell über Wasser hältst, um deine Reisen zu finanzieren, sondern auch, wie lange du Erfüllung in deiner Arbeit findest und wie sehr du dich von einem bestimmten Geschäftsmodell abhängig machen möchtest.

Definiere für dich, wo deine Prioritäten zwischen Lifestyle und Business liegen. Erfüllt es dich, unternehmerisch tätig zu sein? Oder ist die Selbständigkeit nur ein Mittel zum Zweck, für einen Lifestyle mit mehr Selbstbestimmung?

Wir lachen immer über die traditionelle Work-Life-Balance und tun es als etwas ab, das wir als Lifestyle Entrepreneure nicht brauchen. Das halte ich mittlerweile für falsch. Wir können nicht 24/7 sowohl Unternehmer, Reisender als auch liebender Partner sein.

 

Gedanken zur Skalierbarkeit

Ein Online Business kann zu großen Teilen automatisiert werden und ist wunderbar skalierbar. Was macht es schon für einen Unterschied, ob ich 1.000 oder 100.000 Blogleser im Monat habe? Oder ob ich einen Videokurs 5 mal oder 500 im Monat verkaufe?

Ist der Blogartikel, das Infoprodukt oder die Software einmal erstellt, kann sie schließlich ohne großen Mehraufwand und weitere Kosten x-fach ausgeliefert werden.

Mit diesem Punkt stimme ich nicht überein. Skalierbarkeit ja, aber Wachstum funktioniert selbst bei einem richtig gut automatisierten Online Business nicht ohne Mehraufwand und -kosten.

Mit wachsenden Verkaufs- oder Leserzahlen wirst du mehr E-Mails oder Anrufe erhalten, bei denen Support verlangt wird. Du wirst Anfragen für Interviews und Kooperationen aller Art bekommen. Nimmst du diese an, beschleunigst du den Wachstum deines Geschäftes … und deine Verpflichtungen.

Da der Wachstum im besten Fall nicht geradlinig, sondern überproportional geschieht, dreht sich das Rad irgendwann immer schneller. Wenn deine Zeit für die größer werdende Last an Aufgaben nicht mehr ausreicht, heißt die vermeintlich einfache Lösung: Outsourcen.

Du lagerst also Aufgaben aus und bezahlst jemanden dafür, dass er oder sie dir ein paar Stunden Zeit in deinem Kalendar schafft. Nun stehst du allerdings auch unter Zugzwang, mehr Geld zu verdienen, um die ausgelagerten Arbeiten zu bezahlen.

Also wieder auf zu mehr Wachstum, mehr Aufgaben auslagern, mehr Rechnungen am Monatsende bezahlen, mehr Effizienz, mehr Produkte, mehr, mehr, mehr …

Es ist wie ein Sog, in den du hineingezogen wirst und mit der Zeit immer schwerer durchbrechen kannst. So zumindest, wenn du nicht natürlich, sondern auf Teufel komm raus skalieren willst.

Auch wenn ich einen Teil meiner Arbeit abgebe, gibt es andere Bereiche, die mir viel zu persönlich sind, um sie auszulagern. Der Grund dafür ist, dass meine Marke sehr stark an meiner Person hängt.

Mit Wireless Life habe ich eine Mischform zwischen Personal und Product Branding aufgebaut, da ich mir immer offenhalten wollte, mich etwas daraus zurückzuziehen. Die Marke ist neutral aber steht stark in Verbindung mit meinem eigenen Namen. Einige meiner Angebote sind stark an meine Person gebunden (Coaching, Meetups) und andere eher an die Marke (Workations, Wireless Life Guide).

Die Arbeit an meinem Blog und den immer mehr werdenden Angeboten hat mir immer Spaß gemacht und tut es auch heute noch. Aber ganz schleichend ist aus diesem tollen Lifestyle Business ein goldener Käfig geworden, in dem die Unabhängigkeit nur noch in einem bestimmten Rahmen möglich war.

Ich kann dir nur raten, dir von Anfang an Gedanken darüber zu machen, wie stark dein Geschäftsmodell von dir selbst abhängig sein soll und wie stark du es skalieren möchtest.

 

Ein paar gut gemeinte Ratschläge

Meine Absicht mit diesem Beitrag war es nicht, dir die Lust an der digitalen Selbständigkeit zu nehmen. Ich wollte dir lediglich ein ungeschminktes Bild davon geben, mit welchen Problemen ich zu kämpfen hatte und immer noch habe.

Nach wie vor möchte ich mein Leben nicht eintauschen, vor allem nicht gegen eine Festanstellung. Was ich möchte, ist ab und an mal auf die Bremse treten und mir Auszeiten gönnen. Das liegt natürlich ganz bei mir, hätte aber einfacher sein können, wenn ich vor ein paar Jahren um einige Erfahrungen reicher gewesen wäre.

Deshalb möchte ich dir, besonders wenn du noch am Anfang deiner digitalen Selbständigkeit stehst, ein paar kleine Tipps geben:

  • Folge nicht blind “Vorbildern”, die ihren Lifestyle auf Blogs und in sozialen Netzwerken einseitig kommunizieren.
  • Bringe dich nicht selbst in eine Situation, in der du denkst, ständig erreichbar sein zu müssen.
  • Überlege dir genau, wie stark deine eigene Person von deinem Geschäftsmodell abhängig sein soll (Personal vs. Product Branding).
  • Vermische nicht zwangsläufig dein Money-Business, das deinen Lebensunterhalt sichert, mit deinen Leidenschaften.
  • Definiere für dich, welche Priorität bei deinem Lifestyle Business auf dem “Lifestyle” und auf dem “Business” liegen.
  • Nimm dir bitte, bitte Auszeiten, auch wenn du noch so viel Spaß bei deiner Arbeit hast.

 

Meine eigenen Ratschläge muss ich mir selbst immer wieder ins Gedächtnis rufen, um nicht vom richtigen Weg abzukommen. Ich merke nun nach über 4 Jahren digitaler Selbständigkeit mit einigen Extremen, dass ich immer näher an meine eigene Balance herankomme. Das ist ein Prozess, der sicher nicht so schnell endet.

Ich wünsche dir, dass du dich nicht blind in das Abenteuer Ortsunabhängigkeit stürzt, sondern einen offenen Geist für alle Perspektiven hast.

Danke für 47 Kommentare

Wir freuen uns über deine Fragen, Hinweise und allgemeines Feedback. Wenn du eine spezielle Frage zum Beitrag hast, schaue bitte zuerst in den bisherigen Kommentaren und im FAQ nach, ob du die Antwort dort findest.

47 Kommentare zu "Die 7-Tage-Arbeitswoche: zwischen Lifestyle und Business"

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